fehrhoert
Geschrieben von Sebastian Fehr

Rehabilitation

Warnung vorab: Dies wird der längste Artikel auf „fehrhoert“. Auch deswegen, weil für mich persönlich dieses Thema extrem wichtig ist:

Alle Menschen, welche professionell mit Hörhilfen zu tun haben, wissen: Mit der technischen Versorgung des Patienten alleine ist es nicht getan. Trotzdem gibt es traurigerweise immer noch einige betroffene Personen, die eine anständige Rehabilitation nicht für notwendig erachten. Doch gerade neben der passenden Hörgeräte- oder Cochlea Implantat Versorgung muss der Versorgte auch bereit sein, an sich und seiner Hörwahrnehmung zu arbeiten. Davon hängen die spätere Lebensqualität des Patienten und dessen Hörergebnis wesentlich ab.

Das hat den Vorteil, dass relativ viel vom späteren Hörerfolg vom eigenen Fleiß abhängt. Hat aber auch den Nachteil, dass manche Patienten dazu neigen, bei den ersten Rückschlägen die Flinte ins Korn zu werfen. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel.

Da Hörschädigungen so individuell und vielfältig wie die Menschen selbst sind, ist es unmöglich, ein Patentrezept zu präsentieren, das für alle funktioniert. Es gibt einfach zu viele verschiedene Parameter, welche es zu berücksichtigen gibt: Grad der Hörminderung, Art der Versorgung, Einstellung des Hörsystems, Gesamtgesundheitszustand des Patienten, Tagesverfassung, physischer und psychischer Zustand, usw.

Auf Grund dieser Problematik nehme ich mir an dieser Stelle die Freiheit heraus und beschreibe meinen persönlichen Weg. Denn nur diesen kann ich authentisch beschreiben.

Erstens beginnt meiner Meinung nach die Rehabilitation schon vor der Versorgung: Je mehr ich über das Hören, die Hörhilfe und der etwaigen Operation weiß, desto weniger kann ich nachher überrascht werden – sowohl im negativen als auch im positiven Sinne. Denn auch hier gilt das Motto: Wer nichts weiß, muss alles glauben. Ich bin überzeugt davon, dass ein Großteil der unzufriedenen Hörsystem oder CI-Träger vermeidbar wären, wenn sie mehr über Ohren, Hörminderung, technische Hilfen usw. wissen würden! Ein grobes Basiswissen über die Materie schützt vor allem auch vor utopischen Erwartungshaltungen, welche teilweise durch die aggressiven Werbemaßnahmen der Hörhilfenhersteller suggeriert werden.

Zweitens muss ich mich auf die neue Situation einlassen. Ich darf nicht immer zurückdenken und darüber trauern, dass meine Hörwahrnehmung vielleicht nie mehr wie früher sein wird. Sondern ich muss in die Zukunft schauen und ein neues Hörerlebnis zulassen. Wenn man sich für ein Hörsystem bzw. CI entschieden hat, gibt es meiner Meinung nach nur mehr: Volle Kraft voraus!

 Last but not least: Ein gesundes Maß an Realismus, gepaart mit einer optimistischen und neugierigen Grundhaltung sowie ein ordentlicher Schuss Geduld sind für mich die Zutaten für eine erfolgreiche Rehabilitation. Denn die Reha spielt sich nämlich auch hauptsächlich im Kopf ab (das Gehirn muss sich an den neuen Signaleingang gewöhnen und nicht das Ohr) und diese Arbeit fällt in einer positiven Atmosphäre leichter – das merken wir auch täglich im beruflichen Alltag

Stimmen die psychologischen Vorrausetzungen schon mal, ist ein großer Schritt in die richtige Richtung getan. Danach hat man die Aufgabe, Menschen zu finden, welchen man vertraut und welche einem auf den Weg ins neue Hören begleiten. Ich hatte dabei großes Glück, folgende Menschen zu finden:

 

  • Thorsten P. (Hörakustiker/Audiologe)
  • Ulrike R. (audiopädagogisches Training)
  • Ulrike S. (Musiktherapeutin)

 

Hörakustiker/Audiologe:

Es ist sehr wichtig, einen fachlich versierten Menschen zu finden, zu dem man einen guten Draht hat und der mit einem das Gerät einstellt. Ich sage bewusst „miteinstellen“, weil ich jedes Mal vorbereitet in eine Sitzung mit meinem Hörakustiker gehe. Bei der jeder Sitzung sehe ich dann die Chance, zusammen mit meinem Hörakustiker bzw. Audiologen mein Hören zu verbessern – denn das ist auch sein Ziel. Leider sehen viele Menschen diese Termine als lästige Pflicht an – eine Einstellung, die ich absolut nicht nachvollziehen kann. Mehr zu diesem Thema kann man in meinem Blog „Der Weg zur richtigen Höreinstellung“ lesen.

Die Termine sind in der ersten Zeit nach der Versorgung in kürzeren Abständen. Nachdem ersten gewöhnen an das neue Hören werden die Intervalle größer. Dennoch bleibt das Ziel für mich und auch für meinen Hörakustiker immer dasselbe: Das Maximum für mich aus dem Gerät herauszuholen.

 

Audiopädagogisches Training:

Um nach der Operation bestmöglich auf den Alltag vorbereitet zu sein, wusste ich, dass ich ein umfassendes Hörtraining benötigen würde. Um dies zu bewältigen, holte ich mir professionelle Hilfe an die Seite. Audiopädagogisches Training ist in Österreich kein geläufiger Begriff. Es bedeutet aber aus meiner Praxiserfahrung nicht anders, wie den Menschen nach einer Hörhilfeversorgung wieder auf die akustischen Herausforderungen des täglichen Lebens vorzubereiten bzw. zu begleiten.

Ich habe in diesen Sitzungen enorm viel über Geräusche, Umlaute, Konsonanten, Tonhöhen, Stimmmelodien usw. gelernt und würde dieses Training jedem Betroffenen uneingeschränkt weiterempfehlen.

Obwohl es nicht viele diplomierte audiopädagogische Therapeutinnen in Österreich gibt, nahm ich oft mehrmals im Monat die weite Reise von Tirol nach Wien auf mich. Mir war es einfach wichtig, mich in professionellen Händen zu wissen. Ich hab jedoch keine einzige Fahrt bereut und bin jedes Mal mit einem Trainingsplan und -material nach Hause gefahren. Damit Sie eine ungefähre Ahnung bekommen, was audiopädagogisches Training bedeutet, möchte ich diese Videos mit euch teilen:

(Viedeo: Therapiesitzung mit Ulrike)

Musiktherapie:

Musik und Hörstörung scheinen auf den ersten Blick konträr aufeinander zu wirken. Es hat sich aber lt. jüngsten wissenschaftlichen Studien bestätigt, dass Musik die Sprachwahrnehmung fördern kann. Diese Studien kann ich übrigens auch durch eigene Erfahrung bestätigen. Das heißt also wenn Sie gerne Musik gehört haben, oder sogar selbst musiziert haben: Hören sie bloß nicht damit auf, nur weil die ersten Takte sich wie ein einziger Klangbrei angehört haben (ich kann Sie übrigens beruhigen: Das war bei mir auch so!). Im Gegenteil, ich gehe sogar so weit, zu sagen: Nutzen Sie ihre Hörsystem- bzw. CI-Versorgung als Chance und spielen Sie bzw. lernen Sie ein Instrument. Nicht nur ihr Sprachverstehen wird sich verbessern, sondern auch ihr Gefühl für Melodien, Tonhöhen und Lautstärke.

Für mich hatte die Musiktherapie vor allem den Zweck, wieder zurück in die Musik zu finden. Zuerst hörte ich klar strukturierte Musik mit möglichst viel Percussion-Elementen (zB. Safri Duo). Später fand ich dann über mir geläufige Stücke den Weg zurück in die Melodieführung, auch wenn ich mich heute bei neuen Musikstücken noch schwer tue. Ich brauchte zu Beginn meiner Reise mit dem CI Anhaltspunkte und eine weisende Hand. Ich wusste nicht, wie ich die ersten Schritte in die Musik setzen sollte, da Musik sich anfangs für mich recht schlimm anhörte. Meine Musiktherapeutin half mir dabei und gab mir einen Übungsplan mit, wie sich auch auf meinem Instrument der Klang für mich verbessert.

Da meine audiopädagogische Betreuerin und meine Musiktherapeutin untereinander gut befreundet sind, konnten wir in einer Sitzung mehrere Elemente abarbeiten. Wie das ungefähr 4 Wochen nach meiner Erstanpassung aussah, sehen Sie hier:

Zum Abschluss möchte ich noch betonen: Ohne diese Menschen würde ich wohl heute nicht mehr Trompete spielen und könnte mich nicht so gut mit Menschen verständigen. Neulich habe ich zu meinen Therapeutinnen gesagt, dass ich mich nicht mehr als „Musiker“ sehe wie früher. Sondern viel mehr als „Musikant“ und „Forscher am eigenen Körper“. Ich versuche jeden Tag meine Grenzen auszuloten, um am Tag darauf diese vielleicht überschreiten zu können. Das macht mir sehr viel Spaß und meine Therapeutinnen sind überzeugt davon, dass dies auch einen großen Teil zu meinem positiven Hörweg beigetragen hat, welcher nach 9 Monaten noch nicht zu Ende ist:

 

„Ever tried. Ever failed.

No matter. Try again.

Fail again. Fail better“

 

PS.: All das Beschriebene behandelt lediglich meine ambulanten Rehabilitationsmaßnahmen direkt nach der Cochlea Implantat Operation. Ich denke es ist wichtig nach der CI OP und nach der Erstanpassung nach Hause entlassen zu werden, da man sich und sein neues Ohr in die gewohnte Umgebung zeigen sollte. Deswegen würde ich eine stationäre Rehabilitation unmittelbar nach der Hörhilfeversorgung nicht empfehlen. Allerdings muss man das man das immer im Einzelfall entscheiden – das hängt nämlich wie gesagt immer auch vom Zustand des Patienten ab und von der Art der Hörminderung. Für mich hat mein „kombinierter“ Weg mit ambulanter Therapie direkt nach der OP und einem stationären Aufenthalt nach einer gewissen Zeit ganz gut funktioniert. Über meine stationäre Rehabilitation in Bad Nauheim - 3 Monate nach der Erstanpassung - habe ich übrigens ebenfalls einen Blog verfasst: Hier könnt ihr den Blog über meinen stationären Aufenthalt in Bad Nauheim nachlesen

 

PS2.: Über konkrete Übungen für das Gehör wird es in den nächsten Wochen einen Blog geben.