fehrhoert
Geschrieben von Sebastian Fehr

Ich will doch bloß normal sein

Wenn ich mit Hörgeschädigten vor einer medizintechnischen Versorgung spreche, kommt eigentlich zu 90% der Wunsch auf, normal zu sein bzw. zu bleiben: Normal hören können, wieder normal Aussehen, ein normales Leben führen können. Auch ich wollte als 12-Jähriger, nach meiner hörsturzbedingten Erstversorgung auf garkeinen Fall ein „uncooles“ Hörsystem tragen und ebenfalls ein normaler Teenager sein. Deswegen trug ich das Hörgerät anfangs auch nicht, weil ich normal bleiben wollte und ein Hörgerät nur was für Senioren sei.


Irgendwann hab ich dann gecheckt: Das viele Nachfragen und „nicht-verstehen“ ist ja auch nicht normal. Wäre es nicht normaler, ein Hörsystem zu tragen, damit ich mich mit meinem sozialen Umfeld besser kommunizieren kann? Und überhaupt: Nur weil für mich etwas nicht normal ist, heißt das nicht das andere das genau so sehen, denn: Wahrnehmung ist doch immer eine subjektive Auslegungssache, oder?


Aber was bedeutet eigentlich „normal sein“? Was definiert dieses Wort und wer entscheidet darüber? Richtig: Ich selbst. Ich kann mich und meine Möglichkeiten also eingrenzen und dem mir selbst aufgebürdeten Normalitätsdenken folgen. Oder ich kann rausgehen und die Vielfalt sehen: Menschen mit Brille, Menschen mit Glatze, Menschen mit großen Augen, Menschen mit dünnen Lippen. Menschen mit Rollstuhl, Menschen mit dunkler Hautfarbe, Menschen mit gleichgeschlechtlichen Partner, Menschen mit dritten Zähnen, Menschen mit Herzschrittmacher, Menschen mit Insulinpumpe, Menschen mit Blindenhund, usw. – die Liste ließe sich ewig lang weiter führen.


Außerdem: Glaubt ihr, dass wir hier sind, um normal zu sein? Warum gibt es dann so viele verschiedene Menschen mit den unterschiedlichsten Talenten, Eigenschaften, Aussehen und Denkweisen? Über die Antwort auf diese Frage ließe sich jetzt ewig weiter philosophieren und ich denke jeder von uns findet eine andere Antwort darauf.


Heute weiß ich dass ich keinesfalls normal sein möchte, weil der Begriff nicht passt. Es gibt keine „Norm“ oder Schablone die auf mich passt und es gibt auch keinen Weg den ich nachgehen will – ich möchte eigene Spuren setzen. Ich möchte ich sein und hab gelernt, mich mit all meinen Stärken und zahllosen Schwächen und Macken zu mögen. Ich bin froh, wie ich mich als Mensch entwickeln konnte und es mag albern klingen, aber: Mein Hörverlust war ein wichtiger Baustein auf dem Weg der Mensch zu sein, der ich heute bin – und diese Entwicklung geht ein Leben lang weiter.