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Geschrieben von Sebastian Fehr

Mit den AusHALLtigen bei Beats of Cochlea: Teil 1I

Montag:

....wer sich nun gedacht hätte, das wir uns von der langen Fahrt erholen hätten können: Fehlanzeige. Wir checkten ein und erkundeten unsere sehr sauberen und großzügigen Zimmer. Um 9 Uhr fand dann ein „Hearing“ im Hotelfoyer statt, bei welchen die einzelnen Programmpunkte für die ganze Woche präsentiert wurden (wir fanden es übrigens lustig, dass der erste Programmpunkt „Hearing“ lautete – immerhin sind wir auf einen Event für meist gehörlose Musiker).  Wir wurden darüber informiert, dass ab 12 Uhr der Sound-Check für das Jury-Vorspiel stattfinden würde und das eigentliche Probespiel ab 16 Uhr startet. Da ich vom Koffein und Zuckercocktail noch ganz betäubt war – immerhin war ich von Tirol nach Warschau dank Red Bull & Kaffee 11 Stunden durchgefahren – war für mich an ein Vormittagsschläfchen nicht zu denken. Außerdem stieg jetzt auch – sofern noch möglich –  mein Adrenalinpegel und die Nervosität, da wir ja am Nachmittag vor einer hochkarätig besetzten Jury mit Musikern & Promis aus Polen bestehen mussten. Daher beschlossen wir, den Schlaf in der Nacht nachzuholen, zogen unsere Tracht inkl. Lederhose an, setzten uns auf die Hotelterrasse und begannen zu musizieren:

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Dabei ernteten wir einige neugierige Blicke von Passanten und anderen Teilnehmern, die aber an diesem Tag wohl zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren, um uns zu lauschen. Aber das sollte sich im Laufe der Woche ja noch ändern.

 

Nach dem der Soundcheck & Probe im Vorspielraum gut verlaufen war, wurden wir als erste Gruppe vor die Jury gerufen. Ich muss zugeben, dass das ganze schon ein wenig Prüfungscharakter hatte und mich, nicht kalt ließ. Die Situation bot auch ein wenig ein paradoxes Bild: Auf der Bühne standen 5 Tiroler in traditioneller Montur mitsamt Musikinstrumente. Im Publikum saßen teilweise Orchestermusiker*Innen und polnische Prominenz im feinen Zwirn sowie Mitarbeiter*Innen der CI-Hersteller. Auf dem Programm stand die Tiroler Volksweise „Tirol isch lei oans“ sowie die „Bergl Polka“. Inmitten diesem Schauspiel: ich als CI-Träger.


Wir begannen zu spielen und einige Schweißperlen auf meiner Stirn waren nicht nur der Hitze im Raum geschuldet. Doch nach einigen Takten wagte ich es, zur Jury zu schielen: Und siehe da, sie klopften im Takt: Den Mienen nach schien ihnen unser Vortrag zu gefallen. Und schon stieg meine Stimmung, der Rest des Stückes war kein Problem mehr. Am Ende durften wir sogar als einzige – wie ich später erfuhr – noch ein zweites Stück vortragen, dessen Melodie ich komponierte, als ich unversorgt gehörlos war.

 

Mit einem flauen, aber guten Gefühl ging ich aus dem Vorspiel – so wie man sich halt nach einer Mathearbeit fühlt, nach der man nicht wagt, positiv zu denken,um dann bei der Notenverkündung ja nicht enttäuscht zu sein. Nach uns kamen 24 weitere Bewerber dran und wir nutzten die Zeit um uns umzuziehen.

 

Die Ergebnisse des Vorspiels wurden Gott sei Dank noch am gleichen Abend im Nachbargebäude unseres Hotels, dem World Hearing Center Polens, verkündet.  Die Bekanntgabe wurde musikalisch umrahmt von früheren Beats of Cochlea Teilnehmern und Fernsehkameras waren überall. Trotzdem  musste ich arg gegen den Schlaf kämpfen. Und zwar nicht weil die Musik schlecht oder langweilig war – ganz im Gegenteil. Sondern weil ich gute 24 Stunden kein Auge zu getan hatte, der Zucker-, Koffeinspiegel sowie Adrenalinpegel in meinem Körper langsam sank und das hopfenhaltige Getränk, das wir uns nach unserem Auftritt gönnten, bei mir Spuren hinterließ.


Als dann der Moment der Verkündung da war und ich als erster CI-Träger von den Organisatoren auf die Bühne gerufen wurde, um uns zur Finalteilnahme zu gratulieren, war ich aber wieder schlagartig hellwach. Kameras waren auf die Bühne gerichtet und es war mir etwas unwohl, denn für wem auch immer diese Kameraaufnahmen entstanden: Ein Tiroler, nach 24 Stunden Schlafentzug inkl. Augenringe bis zum Kinn, kann nicht fernsehreif aussehen:

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Nach mir wurden 9 weitere Finalist*Innen aufgerufen, was mir wie eine Ewigkeit vorkam. Nach einem großen Schlussapplaus – die Veranstalter bedankten sich zuvor noch gefühlte 10 Mal bei allen Teilnehmern, Organisatoren, Sponsoren und bei den CI-Herstellern – durfte ich endlich die Bühne verlassen. Auf dem Weg zum Ausgang, wo meine Kollegen auf mich warteten, wurde mir mehrmals gratuliert. Und da passierte es: Eine Dame mittleren Alters fragte mich: „Can I have an Autograph“? und hielt mir die Illustrierte des Events, auf welchem ich als Teilnehmer abgelichtet war, sowie einen Stift entgegen. Ich war ganz perplex, denn ich wurde in meinem Leben bisher noch nie nach einem Autogramm gefragt. Zuerst dachte ich, ich werde verarscht: Entweder erlauben sich meine Musikkameraden gerade einen üblen Scherz oder ich hab es mit einer ausgefuchsten Kreditkartenbetrügerin zu tun. Doch meine Freunde machten keine Anstalten, diesen paradoxen Moment per Smartphone zu filmen und die freundliche Miene und das generelle Auftreten der Frau ließen auch nicht auf eine Gaunerin schließen. Also nahm ich den Stift und unterschrieb. Den Rest des Abends konnte ich mir die bissigen und humorvollen Kommentare von meinen Kollegen diesbezüglich anhören, wie auch zu meinen CI, welches sie kurzerhand liebevoll „Zwiebel“ tauften.  Dabei kam die Idee, unseren Bandnamen in „Nix‘ Nutz“ zu ändern, denn: Ich hör nix, Otto (Bassflügelhorn) und Luggi (Tuba) sehen nix (Kontaktlinsen bzw. Brillenträger), Alex checkt nix und Florian spielt Klarinette – würde also ganz gut passen. ;)

 

Apropo „Zwiebel“: Nach der „Autogrammstunde“ ging es wieder zurück zum Hotel, wo ein Grillbuffet aufgebaut war. Dieses mundete auch hervorragend, wie auch das polnische Bier. Wir hielten noch bis etwa 23 Uhr durch – dann war es an der Zeit etwas Schlaf nachzuholen, denn auch der nächste Tag sollte ganz unterhaltsam werden.

 

Hier gehts zum ersten Teil der Geschichte: Mit den AusHALLtigen bei Beats of Cochlea - Teil 1