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Geschrieben von Sebastian Fehr

Warum „passt schon“ eben nicht passt

Ist nicht so wichtig!“, „Passt schon.“, „Hat sich erledigt!“ – das sind alles Halbsätze, welche wohl jeder schwerhörige Mensch kennt. Oft hört man diese Worte, wenn man bei einer Unterhaltung wesentliche Dinge akustisch nicht verstanden hat und deswegen zweimal oder sogar dreimal nachfragen muss. Je nach Laune, Geduld und Gutmütigkeit der Gesprächspartner wird dann das gesagte wiederholt – oder eben einer dieser eingangs erwähnten Halbsätze findet Verwendung.


Dieses Verhalten ist oft nicht böse gemeint und für die/den Absender/in keine große Sache, stellt aber alles andere als eine Kommunikation auf Augenhöhe dar. Welche Auswirkungen diese Worte bei schwerhörige, angestrengt zuhörende Gesprächspartner haben, wird dabei nicht bedacht: Betroffene schämen sich durch diese Halbsätze umso mehr für ihre Hörschädigung und den damit verbundenen Defiziten in der Kommunikation und fühlen sich minderwertig, nicht gut genug und auch irgendwie diskriminiert. Sie denken: „Ich bin nicht wichtig genug, dass das gesagte wiederholt wird“, „ich gehöre nicht dazu“, „ich gehe meinem gegenüber auf die Nerven, deswegen wiederholt er das gesagte nicht“, „ich bin unwichtig“, und so weiter. Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen sind am Boden, man fühlt sich als Mensch zweiter Klasse. Auf Dauer kann dies durchaus ernste psychologische Konsequenzen haben.


Was auf solchen Situationen folgt, ist logisch und vor allem menschlich: Wenn ich regelmäßig durch eine Aktion (in diesem Fall ist die „Aktion“ die Kommunikation, die Grundlage der Teilnahme am sozialen Leben) in eine unangenehme Gefühlslage (Stichwort Scham – auch bei meinem eng verwandtem Blog „Das Ja-Sagen..“ ein großes Thema) versetzt werde, tue ich logischerweise alles dafür, um solche negativen Momente künftig zu vermeiden. Da ich nicht auf Knopfdruck besser hören werde und Kommunikation trotz Hörminderung notwendig ist, gibt es auf den ersten Blick 4 Möglichkeiten der Schamvermeidung:

 

  1. Ich tue so, als hätte ich alles verstanden (also „Ja sagen“, um mein Defizit nicht ständig offen zu legen – Siehe vorherigen Blog). [Fake]
  2. Ich rede die ganze Zeit, bestimme die Themen und dominiere die Kommunikation, um nicht „zuhören“ zu müssen. [Domination]
  3. Ich nehme nur passiv am Gespräch Teil, lasse die Gesprächspartner reden und rede selbst fast nichts. [Silence]
  4. Ich ziehe mich komplett aus der Kommunikation und meinem sozialen Umfeld zurück, um solche Situationen generell zu vermeiden. [Hide]

 

Manchmal werden mehre Varianten innerhalb eines Gespräches „ausprobiert“. Das diese Schamvermeidungstaktiken weder für einem selbst und auch für die Gesprächspartner nicht zielführend sind, liegt auf der Hand. Oft sind noch peinlichere Augenblicke die Folge. Was kann ich also tun, um dem Teufelskreis zu entwischen?

Für mich haben sich nachfolgende Verhaltensweisen bewährt:

 

1. Das CI/Hörgerät SICHTBAR machen und nicht verstecken…
…denn viele Gesprächspartner können nur auf etwas Rücksicht nehmen, das sie sehen.


2. Die Gesprächsteilnehmer auf die besonderen Umstände aufmerksam machen…
…denn die Leute können nicht auf etwas Rücksicht nehmen, was sie nicht wissen.


3. Selbstbewusst zu sich und seiner Hörschädigung stehen…
…denn wer mit seinem Handicap positiv umgeht, wird automatisch Respekt ernten.


4. Sich nicht mit „Halbsätzen“ abspeisen lassen, sondern konsequent aber höflich nachfragen…
…denn wer Kommunikation auf Augenhöhe einfordert, sorgt für nachhaltige Sensibilisierung.

 

Sensibilisierung ist das Stichwort: Denn die Hörschädigung und damit verbundene Hörhilfen sind im deutschsprachigen Raum – paradoxerweise ganz im Gegensatz zu den als konservativ geltenden Menschen in Amerika & Australien, die uns in dieser Hinsicht meilenweit voraus sind – immer noch Tabuthemen. Deshalb fällt hierzulande vielen Betroffenen die Durchführung dieser an sich einfach umsetzbaren Punkte sehr schwer. Oft spielen hier persönliche Eitelkeiten eine vordergründige Rolle, aber natürlich sind auch Diskriminierungen in Beruf und Alltag auch leider immer wieder ein Thema.


Auch mir gelingt die konsequente Umsetzung der oben genannten Punkte nicht immer. Vor allem, weil ich als 12-Jähriger in der Pubertät mein Defizit um jeden Preis verstecken wollte: Denn Hörhilfen waren damals nur „was uncooles“ für alte Menschen und gefühlsmäßig war ich der einzige betroffene Jugendliche. Heute weiß ich aber, dass das Gegenteil der Fall ist und ich nicht alleine bin: Über 20 % der Menschen in Österreich leiden an einem Hördefizit und deswegen kann man bei weitem von keiner Minderheit mehr sprechen – viel eher von einer „Volkskrankheit“. Besonders alarmierend sind die stetig steigenden Hörschädigungen durch Freizeitlärm bei Jugendlichen. „Wir ziehen eine Generation der hörgeschädigten heran“, sind sich HNO-Experten einig (Zeitungsbericht Tiroler Tageszeitung).


Auch deshalb ist die Sensibilisierung der Menschen im deutschsprachigen Raum besonders wichtig, denn ein lebenslanges Versteckspiel kann doch heute keine Lösung mehr sein, auch im Hinblick auf die nächste Generation – oder etwa doch?