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Geschrieben von Sebastian Fehr

Nicht verstehen und trotzdem „Ja-Sagen“ – eine schwer zu verlernende Kunst

Hörgeschädigt zu sein kann schon tierisch nerven. Nicht nur dass in unserem schnelllebigen, kapitalistischen Zeitalter der Leistungsdruck hoch ist und das Motto „Zeit ist Geld“ mehr denn je regiert, nein: Auch die Ansprüche der (hörgeschädigten) Menschen an sich selbst steigen ständig. Man hat zu funktionieren und wer das nicht schafft, wird aussortiert – so sieht in vielen Branchen die traurige Realität aus.

Oft mündet dieses „nicht-Funktionieren-Feeling“ in das Schamgefühl. Das kennen wir alle: Man verliert bei einem Vortrag den Faden oder man wird beim Lügen ertappt: Dann werden wir plötzlich rot, der Puls erhöht sich, wir beginnen zu schwitzen, zu stottern und zu stammeln. In diesen Momenten empfinden die Meisten von uns Scham – ebenso ergeht es mir mehrmals täglich als Hörgeschädigter, wenn ich beim ersten Mal das Gesagte nicht verstehe.


Das Schamgefühl ist eines der größten negativen Gefühle, welche der Mensch erleben kann. Deswegen tun wir in unserem Leben in der Regel immer alles dafür, um dieses „Feeling“ zu vermeiden – auch unangenehme, unrationelle und unschlüssige Dinge. Das Schamgefühl beeinflusst uns dermaßen, dass sich die Empfindung von „richtig“ und „falsch“ gravierend verschieben kann. Das Selbstbewusstsein und die Selbstwahrnehmung sinken massiv, unser Handeln und Tun wird in diesen Momenten überwiegend von der emotionalen Ebene gesteuert. Ein Mensch, der sich schämt, ist zu keiner sachlichen, logischen Entscheidungsfindung mehr fähig und neigt dazu, Dinge zu tun oder zu sagen, was er unter normalen Umständen nie tun würde.

„Wie alt bist du?“ – „Ja“
„Um wie spät gehst du heute heim?“– „Ja“
„Zum hier Essen oder zum Mitnehmen“? – „Ja“
„Wollen Sie einen Platz im Raucher- oder im Nichtraucherbereich“? – „Ja“

All dies sind Gesprächsfragmente aus den letzten Wochen und Monaten. Jedes Mal dasselbe Muster: Ich hab die Frage offensichtlich nicht gehört bzw. verstanden und trotzdem mit „Ja“ geantwortet. Warum habe ich das getan? Warum hab ich nicht einfach die Frage wiederholen lassen – wäre das rational gesehen nicht viel weniger peinlich für mich gewesen, als die Antwort „Ja“?

Na klar, aber: Ich wollte mit aller Gewalt funktionieren und meine körperliche Schwäche durch das Nachfragen meinem Gegenüber nicht offenbaren bzw. eingestehen. Ich habe mich in den Situationen für mein Hördefizit, für das ich nichts kann, vor meinen Gesprächspartnern geschämt und deswegen versucht, diese Situation cool mit der statistisch gesehen häufigsten Antwort auf Fragen zu umschiffen: „Ja!“ Das aus der gespielten „Coolness“ beim Anblick der Reaktion meiner Gesprächspartner schnell ein noch peinlicheres Schamgefühl wurde, brauch ich wohl nicht weiter auszuführen. Hervorstreichen will ich auch, dass solche „automatischen Antworten“ durchaus auch zu gefährlichen Situationen führen können – z.B. in einer Disco:

„Megst schläg?“ – „Ja“

Seit ich mit dem Cochlea Implantat versorgt bin (und aus Altersgründen nicht mehr jedes Wochenende in die Disco gehen muss ;-) ) haben sich diese Situationen für mich verringert. Trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei: Ich neige dazu, „Ja“ zu sagen, auch wenn ich was nicht 100%ig verstehe. Ich schließe daraus, dass es sich hier um eine Art „falschen Schutzmechanismus“ vor dem Schamgefühl handelt, welcher tief in meinem Unterbewusstsein verankert ist. Obwohl ich eigentlich offen und meist selbstbewusst mit meinem Defizit umgehe, schaffe ich es nicht immer, mich diesem fragwürdigen „Schutzmechanismus“ zu entledigen. Aber ich werde weiter an mir arbeiten und versuchen, dieses „automatische Ja-Sagen“ irgendwann zu verlernen.

Jetzt würden mich eure Erfahrungen interessieren: Geht es euch ähnlich wie mir? Habt ihr ähnliche Erfahrungen? Konntet ihr euch vom „Ja-Sagen“ trotz nicht verstehen befreien? Wenn ja, wie?

Freue mich auf eure Erfahrungen und Antworten,

euer Sebastian