fehrhoert
Geschrieben von Dr. Claus-Jürgen Schulz

Gelebte Inklusion im Musikverein: Claus-Jürgens Geschichte

AUFTAKT

Freitagabend - Probenabend. Ich sitze wie etwa 20 weitere Kolleginnen und Kollegen unserer Kapelle vor meinen Noten. Auf den Pulten liegt das Stück „Mit Blasmusik im Herzen“, eine ebenso einfache wie eingängige Polka von Alexander Pfluger, genau das Richtige zum Warmspielen. Ein kurzer Blick auf die Vorzeichen, Vorzeichenwechsel, Abfolge der einzelnen Teile. Unser Kapellmeister gibt das Tempo, zählt 2 Takte vor, dann erklingen die ersten Akkorde. Ich merke, wie ich Tritt fasse, mein Spiel auf dem Bariton Teil des großen Gesamtklanges wird und spüre zugleich, wie meine kurze anfängliche Anspannung weicht. Ich höre auf, mich an die einzelnen Noten zu klammern und beginne, Musik zu machen. Ich lasse mich fallen in das Wechselspiel zwischen hohem und tiefem Blech, tauche ein in die kecken Einwürfe der Klarinetten, gestalte Nuancen wie die kleinen, gerade eben hörbaren Ritardando-Stellen, die im Melodiefluss Spannungen aufbauen. Als der letzte Akkord das Stück beschließt, bin wunschlos  glücklich und zugleich fast ein wenig enttäuscht, dass das Stück schon zu Ende ist.

Musik: Sie weckt in mir Gefühle, setzt Kräfte frei und gibt meinem Leben Sinn. Ich übe und spiele, nicht weil ich müsste, sondern weil es mir ein Grundbedürfnis ist. Musik bedeutet für mich aber auch, Freundschaften mit anderen Menschen zu schließen, Umarmungen, im Musikverein mitgetragen zu werden. Hier kann ich meine Leidenschaft für Musik mit anderen Menschen, die in aller Regel normalhörend sind, teilen.

   
Musik begleitet mich, soweit ich zurückdenken kann. Zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen gehört das gesungene „Der Mai ist gekommen“. Die frohe und helle Stimmung dieses Liedes, das positive Gefühl, das damit verbunden ist, ist mir seit Kindertagen gegenwärtig. Auch wenn wenig  später, ich war damals gerade 4 Jahre alt, mein Leben gar nicht mehr so hell war, weil ich durch eine schwere Hirnhautentzündung (Meningitis) fast mein gesamtes Gehör verlor.  Auf dem linken Ohr blieb eine Taubheit, auf dem rechten ein mittel- bis hochgradiger Hörverlust. Trotzdem erlernte ich die Instrumente Blockflöte und Klavier, das ich später erfolgreich gegen ein Akkordeon „eintauschte“. Meinen Herzenswunsch, ein Blasinstrument zu erlernen, konnte ich mir erst als Erwachsener erfüllen. Bei uns zuhause war es eine unbeantwortete Frage, ob mein Gehör für so etwas auch ausreichen würde.

Drei Meilensteine gab es in meiner musikalischen Entwicklung. Erstens: Mit 10 oder 11 Jahren hörte ich zum ersten Mal in meinem Leben eine böhmische Polka – es war ein Gänsehaut-Erlebnis, das ich nie vergessen werde und das meine musikalische Grundstimmung bis heute tief prägt. Böhmische Polka im Schleswig-Holstein der 1970er Jahre: Das war zugleich Anlass genug für Grinsen und wenig schmeichelhafte  Bemerkungen vieler Altersgenossen. Zweitens: Als 13jähriger trat ich ins Schulorchester ein, wo ich bis zum Abitur mit der Kombination Akkordeon/Sporanblockflöte mitspielte und dabei entdeckte, dass Musizieren weniger durch einsames Spielen daheim schön ist sondern vielmehr in der Gruppe. Im Schulorchester habe ich auch zum ersten Mal dirigiert – ein Divertimento von Haydn. Schon damals war ich ein Musicoholic: Das örtliche Akkordeonorchester war mein Zweitverein. Und drittens: Mit 26 nahm ich allen Mut zusammen, schob meine Zweifel beiseite und lernte im Posaunenchor der Kieler Ostergemeinde Trompete spielen, der später weitere Blasinstrumente folgten.

LAUSITZER 8

„Lausitzer 8“. Unser Kapellmeister sagt den nächsten Titel an. „Lausitzer 8“ ist eine unserer Spezialitäten. Ein Marsch aus dem „Lausitzer Marschalbum“ von Johann Brussig, anstelle des Trios spielen wir meist das „Niedersachsenlied“. Das ist hier im (niedersächsischen) Harz bei fast jedem Auftritt Pflichtstück, genauso wie der Steigermarsch. Ich packe meine schwarze Marschmappe aus und schlage das Stück auf. Die Ansagen sind meist laut und deutlich. Unser Kapellmeister war früher Lehrer, und das ist für die Arbeit im Blasorchester ohne Frage akustisch von Vorteil.

Im Musikverein wissen alle von meinem Hörproblem. Auch im Posaunenchor und in der Stubenmusik, wo ich mitspiele. Trotz meines Handicaps bin ich in diesen Ensembles gut integriert. Ich habe mir trotzdem angewöhnt, meine Pultnachbarn zu fragen, wenn ich etwas akustisch nicht verstanden habe. Das Sprachverständnis bei der Probenarbeit ist für mich paradoxerweise eine größere Herausforderung als das Spielen selbst. Und wenn wir ein Stück erarbeiten, es ist wichtig, akustisch zu verstehen, bei welchem Takt wir anfangen zu spielen. Für Jan, einen unserer Posaunisten, der neben mir sitzt, ist es völlig ok, wenn ich dann und wann nachfrage. Die CI-Versorgung im Mai 2017 – seither höre ich bimodal – hat zudem mein Sprachverständnis erheblich verbessert. Und sie erleichtert mir das Musizieren enorm: In großen Besetzungen wie z. B. im Blasorchester höre ich mich selbst und die anderen in einem sehr ausgewogenen Verhältnis – Klangbrei war mal. In kleinen Ensembles, wo einzelne Patzer mehr durchschlagen, gelingen das Halten des Tempos und die gemeinsamen Anfänge und Schlusstöne erheblich einfacher und stressfreier.

Mit diesem Hören und diesen Hörstrategien gelingen auch Fortbildungen: Zum Beispiel die jährliche Blasmusikwerkstatt des Thüringer Blasmusikverbandes ist bei mir ein fester jährlicher Termin. Auf solchen Veranstaltungen sind zudem persönliche Freundschaften entstanden, die mir viel bedeuten.

Es gibt Musik, die für mich geeignet ist und solche, mit der ich mich schwerer tue. Mit traditioneller Blasmusik, Polka, Walzer und Marsch, komme ich gut zurecht, vor allem, weil sie klar strukturiert ist. Das gilt auch für manche modernere Stilrichtungen wie Beguine und Slowrock, die in vielen Blasorchestern gespielt werden. Schwieriger sind für mich oft moderne Posaunenchorsätze, wo es „laut und durcheinander“ zugeht (man entschuldige bitte diesen Ausdruck). Hier kommt es besonders aufs Konzentrieren und Zählen an. Und wenn ich dann trotzdem den Faden verliere, schiebe ich das zuerst mal auf mein Handicap, obwohl das oft nicht korrekt ist, denn die normalhörenden Kollegen steigen genauso aus oder verspielen sich.

PAUSE

„Wir spielen jetzt noch mal das Trio, und dann ist Pause“. Wer hört solche Ansagen des Kapellmeisters nicht gern! Pausenbier, -cola, -radler, -wasser locken, der MUSIK-Verein wird zum Musik-VEREIN. Der neueste Dorfklatsch wird umgeschichtet, der Liftbetrieb am Wurmberg ebenso ernsthaft erörtert wie die aktuellen Belegungszahlen der Touristinfo und die neue Kneipe, die gerade eröffnet hat. Auf einem Tisch liegt die Liste, wo man eintragen kann, für welche Teile der Ausrüstung Ersatz benötigt wird. Auch die Glückwunschkarte für eine Kollegin, deren Geburtstag ansteht, wartet auf Unterschriften. Die Raucher sammeln sich vor der Tür, ich bleibe meist zusammen mit einigen anderen im Probenraum.

Verstehen im Störschall ist weiter eine Königsdisziplin für mich, auch wenn ich heute mit CI und Hörgerät besser verstehe als zuvor mit Hörgerät allein. Darum verziehe ich mich in der Pause meist zu einer kleinen Gruppe in die Ecke oder unterhalte mich mit einzelnen Musikern. Manchen, die nicht so kommunikativ sind, tut es gut, angesprochen zu werden (auch dafür ist man schließlich im Verein), und ich profitiere davon, dass Gesprächssituationen mit wenigen Teilnehmern für mich einfacher und weniger anstrengend sind, als wenn viele (zum Teil auch noch gleichzeitig) reden.

NACHSPIEL

Das letzte Stück ist gespielt, der letzte Akkord verklungen. Ich packe meine Sachen zusammen und verabschiede mich. „Bis nächsten Freitag, Claus!“ und „Fahr‘ vorsichtig, es ist viel Wild unterwegs“ sind die Sätze und guten Wünsche, die mir die Kollegen noch mit auf den Heimweg geben. Aufgeräumt bin ich und rundum glücklich. Die Welt ist wieder rund. Ich verstaue meine Sachen im Wagen und schalte den NDR ein. Am Wochenende werden meine Frau und ich Mozart-Duette für Querflöte und Geige spielen. Mal was ganz anderes.

Im Alltag wie im Blasorchester mache ich immer wieder diese Erfahrung: Inklusion braucht Schritte auf beiden Seiten, den Hörbehinderten und den Normalhörenden, damit sie gelingt. Zu meiner Aufgabe als Mensch mit Hör-Handicap gehört es, meine Technik vorzuhalten und einzusetzen. Aus Lebensläufen anderer Hörbehinderter wie auch aus eigener Erfahrung weiß ich zugleich, wie sehr die Kooperationsbereitschaft der normalhörenden Mitmenschen darüber entscheidet, ob Inklusion (und damit das eigene Leben mit Hörbehinderung) gelingt oder krachend gegen die Wand fährt. Wenn die Voraussetzungen stimmen, wird trotz einer Hörbehinderung selbst das Musizieren gelingen.

Anmerkung: Claus-Jürgen hat mich 2017 auf einen meiner Blogs angeschrieben. Daraus entstand reger Mailverkehr sowie Beiträge für die Zeitschrift Spektrum hören und gipfelte in ein persönliches Treffen in Bad Sachsa im Dezember 2017, bei welchem er sich bereit erklärt hat, diesen Gastblog für www.fehrhoert.com zu schreiben. Auf diesem Wege möcht ich dir für die tolle Zusammenarbeit und auch für deine Gastfreundschaft danken. Ich freue mich auf all die künftigen Projekte, welche wir 2018 gemeinsam anpacken werden und wünsche dir weiterhin viel Freude und Spaß mit der Musik.