fehrhoert
Geschrieben von Sebastian Fehr

Ich kann mir aussuchen, nichts zu hören!

Vor zwei Jahren war es für mich die schlimmste Vorstellung, gehörlos zu sein. Ich hatte riesen Angst davor und das hatte einen einfachen Grund: Als Musikant hing ich einfach sehr an das wenige Gehör, dass ich noch hatte. Auf links war ich taub, auf rechts mittelgradig-Schwerhörig – und trotzdem war mir dieses „eine-halbe-Ohr“ heilig. Es hat mir ein Leben in der Musik ermöglicht und viele schöne und unvergessliche Erinnerungen geschenkt. Es war 28 Jahre lang mein Wegbegleiter und hat einigermaßen funktioniert und mich durch Ausbildung und Beruf gebracht. Daher weiß ich, dass ich Glück im Unglück hatte.

Meine Meinung zum Thema Gehörlosigkeit hat sich aber in den letzten beiden Jahren auch rapide verändert. Denn trotz der Unannehmlichkeiten, welche die Taubheit so mit sich bringt, habe ich heute mit dem CI einen großen Vorteil: Ich kann mir aussuchen, nichts zu hören! Ja, das ist kein Tippfehler und du hast richtig gelesen! Ich bin in einigen Situationen wirklich froh, gehörlos zu sein. Denn wer kann schon nach einem anstrengenden Tag „das Ohr abnehmen“ und auf der Couch chillen? Wer kann schon im überfüllten Zug das Gehör ausschalten und die Stille genießen? Oder aus aktuellen Anlass: Wer kann zu Sylvester schon im Freien lautlos das Feuerwerk bewundern? Und Hand aufs Herz: Wer wünscht sich nicht manchmal insgeheim, die Nörgelei vom Partner einfach abstellen zu können?

Ja, ich kann das!



Ich höre beim Schlafen keine lästigen Schnarch- oder Störgeräusche mehr vom Partner, Nachbarn und Co und muss mich nicht mehr darüber ärgern. Im Gegenzug müssen auch Mitbewohner nicht mehr leise sein, wenn sie mal vor mir außer Haus müssen (ein Umstand, den eine Freundin aus Heidelberg sehr angenehm empfunden hat ;-) ). Eine ruhige Minute neben der Autobahn, in der Disco oder auf dem Flughafen? Für mich kein Problem.  Ich kann in ein Livekonzert gehen und wenn mir die Darbietung nicht gefällt, einfach den Sound abdrehen und mich anderen Dingen widmen. Ich kann neben einer Baustelle diesen Artikel schreiben, ohne Konzentrationseinbußen hinnehmen zu müssen – weil ich das CI zum Schreiben abnehmen kann.


Trotz der Nachteile, welche die Gehörlosigkeit mit sich bringt – und diese werden Online, in Kliniken, in Foren usw. ausreichend thematisiert und ausgeschlachtet –  habe ich einen großen Vorteil: Ich kann mir aussuchen, nichts zu hören. Ich habe zwar auch eine Zeit gebraucht, um diese Stille genießen zu können – vor allem wenn ich mich an das Gedicht ("Vom Ende zu wissen") erinnere, welches ich vor 1 ½-Jahren verfasst habe. Doch mein Blickwinkel hat sich verändert, mein „Behinderung“ hat auch einen „Vorteil“ und ganz ehrlich: Diesen Vorteil möchte ich heute nicht mehr missen!


So pervers es auch klingt: Es ist unglaublich schön, phasenweise nichts zu hören. Dem Alltagslärm entfliehen zu können, weder den eigenen Atem noch seine Schluckgeräusche zu hören – einfach akustisch nichts wahrzunehmen. Das hat etwas magisches, schon fast mystisches an sich und Hörende können sich diesen Zustand einfach nicht vorstellen und erleben ihn wohl auch erst, wenn sie Tod sind – nur leider ist es dann mit dem „erleben“ vorbei…


Für mich bietet die Gehörlosigkeit heute ein anderes, alternatives und neues Körpergefühl, welches alles andere als unangenehm ist. Über die Entwicklung dieses Körpergefühls werde ich ein anderes  Mal schreiben. Jetzt werde ich mein CI wieder aufsetzen, in die Musikschule fahren und noch etwas Trompete üben gehen.

Bis bald!

Euer Sebastian.