fehrhoert
Geschrieben von Sebastian Fehr

Auch 2017 hab ich mich einige Male fehrhört – ein Rückblick

Dezember ist nicht nur Weihnachtszeit sondern auch Rückblick-Zeit. Wie schnell 12 Monate eigentlich vorübergehen wird einem vor allem im letzten Monat des Jahres bewusst. Man schaut zurück und man denkt darüber nach, was so alles passiert ist. Wo man überall war, was man so erlebt und getan hat. Welche Menschen man kennenlernen durfte. Man erinnert sich an Situationen, die nicht so toll waren aber auch an Dinge, die dir bis heute noch Kraft schenken.

So auch bei mir:


Seit Herbst 2016 steht eigentlich das Gehör und das CI im Mittelpunkt meines Lebens. Meine akuten Hörstürze haben Leben grundlegend, von einem Tag auf den anderen verändert. Mich als musikalischen Menschen hat es doppelt getroffen, es gab daher nach meinem Hörverlust nur 2 Möglichkeiten für mich: Entweder Suizid oder volle Kraft voraus in das Leben mit dem Cochlea Implantat. Es waren wohl eine der dunkelsten Tage in meinem Leben. Heute bin ich wahnsinnig froh, dass ich mich für die zweite Variante entschieden habe.


Was auf die Zeit nach der CI-OP folgte war eine unvergessliche Reise in eine neue (Hör-)Welt. Ulrike Stelzhammer, Ulrike Rülicke sowie Thorsten Prang und Christoph Roos begleitete mich dabei. Zwar konnten sie mir auch nicht sagen, wohin es geht. Aber ich fühlte mich verstanden, die menschliche Ebene passte und für mich war das im Nachhinein gesehen vielleicht sogar der wichtigste Aspekt meines Rehabilitationsweges: Da waren Leute, von denen ich das Gefühl hatte, dass sie mich mögen und dass sie mir helfen können.

Da ich ein Mensch der Extreme bin, hätte ich es am Anfang eh fast übertrieben mit dem Experimentieren betreffend CI-Einstellung. Thorsten wird sich noch lebhaft erinnern können, als ich das CI so laut einstellen wollte, dass sogar der Gesichtsnerv zuckte. Er bewahrte mich vor schlimmeren. Aber als ich merkte, dass das CI an mir gut funktionierte (und das sagte mir auch jeder), wollte ich alles können: Ich wollte schlichtweg alles hören. Ich wollte Grenzen überschreiten, denn mir wurde gesagt: „Wer wenn nicht du“? Ich war selten bis gar nie mit mir zufrieden. Wenn ich was nicht hörte, war das für mich wie eine Niederlage. Ich war wie ein Besessener, der alle Limits einreißen wollte. Doch auch ich musste lernen, dass nichts schnell geht und bei der CI-Rehabilitation schon mal gar nicht. Geduld ist für einen ungeduldigen Menschen wie mich wirklicher Pein, aber ich musste damit umgehen lernen. Und auch mal akzeptieren, dass ich was nicht höre und dass ich auch trotz CI hörgeschädigt bin und auch bleiben werde. Im Nachhinein gesehen war das auch ein wichtiger Schritt für mich.

Es entstand Anfang des Jahres 2017 bei mir der Wunsch zu bloggen. Ich schrieb ja schon immer viel und ich arbeite derzeit auch an einem größeren Projekt. Aber ich wollte meine Erfahrungen auch jederfrau/mann zugänglich machen. Was auf deaf-ohr-alive.de begann, gipfelte im Sommer 2017 in einen eigenen Blog, wofür ich den „Umsetzern“ (Kary Wilhelm und Peter Krippels) und den Helfern im Hintergrund (Helmut S.) danken möchte. Das Schreiben ist heute eine Art Selbstreflexion für mich und hilft mir enorm, erlebtes zu verarbeiten und ich freue mich natürlich auch, wenn andere das lesen und ich Rückmeldung zu meinen geistigen Ergüssen erhalte.

Im Frühjahr 2017 war ich dann 5 Wochen zur stationären Reha in Bad Nauheim. Ich lernte großartige Mitpatienten kennen (stellvertretend dafür seien genannt: Heike, Alex, Lina, Anna) und auch tolle Ärzte und Fachpersonal (stellvertretend dafür: Oliver, Dr. Zeh, Dr. Rausch und das Hörtraining-Team).

Es folgte eine Reise mit Ulrike Stelzhammer zum BEA-Mentoren-Meeting in Madrid. Dort konnte ich sehr viel Kraft schöpfen, weil ich einfach sah: CI Träger sind überall auf dem Erdball verstreut und alle eint eines: Der Mut und die Kraft, das Leben trotz widriger Vorrausetzungen zu meistern – „let’s make the most of it!“. Ich lernte starke Persönlichkeiten kennen wie Megha, Stuart, Kari, Sarah und viele mehr.

Ich entschloss daraufhin die positive Energie, welche ich aus diesem internationalen Event zog, auch anderen weiter zu geben. Ich kontaktierte Werner Pfeifer vom Schwerhörigen Zentrum Tirol und engagierte mich bei diversen Events, bei welchen ich oft weitere tolle Menschen kennenlernen durfte. Stellvertretend dafür möchte ich zwei Menschen nennen, welche ich beim heurigen „25 Jahre ÖCIG“-Event in Salzburg kennenlernen durfte: Isabelle Mandl und Annelies Bauer. Mit diesen beiden traf ich mich auch Ende November in Heidelberg (danke für eure geniale Gastfreundschaft, Isabell & Thorsten!). Diese beiden sind mir innerhalb von kurzer Zeit schon ziemlich ans Herz gewachsen. Nicht nur, weil beide großartige Menschen sind, sondern weil sie mir auch gerne die unangenehme Wahrheit ins Gesicht sagen und mich dadurch zum Nachdenken bringen. Und vor allem daran erkennt man besondere Menschen. Ich hoffe auch 2018 auf euch zählen zu können, auch wenn ich nicht immer der sensibelste Typ bin.

 
Zwei Dinge will ich noch erwähnen:

HannoVerHört (Titelbild) ist eine junge, neue Truppe der DCIG in Hannover, bei welcher ich ebenfalls kurz zu Gast war. Initiiert wurde diese sehr homogene Truppe von Lina, Christian und Lea. Ich hab mich dort sehr wohl gefühlt und ich werde euch sicher wieder besuchen kommen.

Außerdem möchte ich Claus-Jürgen Schulz und Anja Facius vom Median Verlag erwähnen, welche ich heuer ebenfalls Ende November kennenlernen durfte. Hoffentlich entstehen noch viele Projekte und auch Artikel für „Spektrum Hören“ aus dieser Zusammenarbeit.

Zum Schluss möchte ich mich noch bei all den Menschen bedanken, die mich im letzten Jahr aushalten mussten – manche davon sogar freiwillig. Ich denke da an meine Familie, Christian E. und Reini D., den Kollegne bei der Tanzlmusig und Egerländerpartie, aber auch an meine Arbeitskolleginnen und –Kollegen.
Ich freue mich schon sehr auf das Jahr 2018, hoffe dass ich euch alle wiedersehe und bin optimistisch, dass auch 2018 mit euch ein besonderes Jahr wird.

Schöne Feiertage und einen guten Rutsch wünscht


Sebastian Fehr