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Geschrieben von Sebastian Fehr

Eine kleine (Weihnachts-)Geschichte

Vor vielen Jahren gab es einmal 3 Freunde. Brian, Andi und Mark spielten miteinander, seit sie gehen konnten. Da sie alle in einem Reihenhaus am Land aufwuchsen, entstand eine enge Bindung zwischen den Buben und das obwohl Andi gehörlos und Mark CI-Träger war. Man möchte meinen, dass es unter den Dreien ständig kommunikative Probleme gab – das war allerdings nie der Fall. Problemlos spielten Sie miteinander, lachten und stritten sich genauso, wie guthörende Kinder es tun.

Doch wie funktionierte der unkomplizierte Austausch untereinander? 

Ganz einfach: Die Kinder entwickelten einen Mix aus Laut & Zeichensprache: Andi wurde gebärdensprachlich erzogen und brachte einige Begriffe davon in den Kommunikations-Mix der Freunde ein. Brian und Mark konnten sich zwar lautsprachlich austauschen, taten dies aber wenn sie zu Dritt unterwegs waren aber kaum. Zudem waren alle drei durch ihre Freundschaft sehr gute Mimik- & Lippenabseher geworden.

Eines Tages – Brian, Andi und Mark waren gerade 6 Jahre alt geworden – wurde den Kindern erklärt, dass sie auf verschiedene Schulen gehen müssen und künftig nicht mehr wie gewohnt gemeinsam den Kindergarten besuchen können. Während Brian und Mark auf eine Regelschule geschickt wurden, musste Andi in eine Sonderschule für gehörlose Menschen gehen. Der Protest der Kinder war groß, viele Tränen flossen. Am Ende setzten sich aber doch die Eltern bzw. die Pädagogen durch und die Kinder wurden getrennt. Das enge Band, welches die drei Freunde vereint hatte, wurde jäh durchtrennt.

Während sich alle drei im Kindergarten anhand ihren „Kommunikationsmix“ gegenseitig unterstützten, ging diese Komponente an der Schule verloren: Brian und Mark waren zwar noch in der gleichen Klasse, nutzten aber ihren Kommunikationsmix nur mehr selten, weil sie ständig mit der Lautsprache konfrontiert wurden an der Schule und man sie blöd ansah, wenn sie in „ihrer Sprache“ sprachen. Andi vermisste hingegen an der Sonderschule seine Freunde und kapselte sich zunächst sozial von seiner Außenwelt ab. Zwar trafen sich die Kinder noch ab und zu nach der Schule, allerdings fehlten die gemeinsamen Themen und Ebenen, welche sie früher zusammen im Kindergarten erlebt und gelernt hatten. Dadurch entfremdeten sich die Freunde: Brian lebte mehr und mehr in der guthörenden Welt, war gut in der Schule und fand dort schnell weitere Freunde. Mark hingegen tat sich an der Regelschule schwerer: Zwar konnte er oft alles verstehen und doch kam es in einigen Situationen zu Missverständnissen, welche dem Buben sehr peinlich waren. Und Andi? Andi hatte nur mehr wenig Kontakt mit hörenden Menschen und lebte zwar gut integriert in der Gehörlosenkultur, vermisste aber seine Freunde sehr.

Etwa ein Jahr später erschien Andi eines Weihnachtsabends das Fliegende Spaghettimonster. Es sprach zu ihm über eine köstliche Bolognese-Sauce, er habe nun einen Wunsch frei. Andi überlegte nicht lange, und gebärdete:


 „Ich wünsche mir, in die Klasse von Mark und Brian gehen zu können!“
„Bist du dir sicher?“ fragte das Spaghettimonster über die Geschmacksnerven
„Ja, natürlich!“ gebärdete Andi
„Dein Wunsch sei mir Befehl und wird in demnächst in Erfüllung gehen!“

 
Und das Spaghettimonster verschwand. Wochen vergingen und tatsächlich: Zum Semester durfte Andi auf Grund eines „integrativen Projektes“ der Bundesregierung in die Klasse von Mark und Brian wechseln. Die Freunde waren wieder vereint, wie früher im Sandkasten und fanden auch rasch wieder zueinander: Sie scherten sich auch nun nicht mehr, dass andere sie blöd anstarrten, wenn Sie ihren „Kommunikationsmix“ anwendeten, im Gegenteil: Die guthörenden Schüler wurden neugierig  und begannen sich für die Geheimsprache der drei zu interessieren. Gegenseitig unterstützen sich Mark, Brian und Andi im Unterricht, welcher neben der Lautsprache nun auch auf mehr visuelle Materialien setzte und auch teilweise gebärdet wurde. Und auch die guthörenden Kinder konnten als Freifach Gebärdensprache lernen – das Angebot wurde vor allem in der Klasse der der Freunde sehr gut angenommen.

So endet unsere Geschichte. Brian, Mark und Andi sind auch heute noch sehr gut befreundet und stehen Mitten im Leben. Ob sie sich regelmäßig zum Spaghettiessen treffen, ist leider nicht überliefert.

Ps.: Statt dem „Fliegenden Spaghettimonster“ könnten auch Jesus Christus, Allah, Buddha usw – erschienen sein – auf Fehrhoert.com gibt es da keine religiösen Präferenzen, solange es ein respektvolles und friedliches Miteinander gibt!

 

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