fehrhoert
Geschrieben von Sebastian Fehr

Gebt den Kindern die Wahl!

Die Technik ist heute so weit fortgeschritten, dass  für ein Großteil der taub geborenen Säuglinge ein Leben in der akustischen Welt möglich werden kann. Während für blind geborene Kinder Farben & Co wohl für immer ein Mysterium bleiben ist das Sprechen, Musizieren oder Radiohören für gehörlos geborene Babys keine Utopie mehr, sondern auf Grund der medizinischen Möglichkeiten realer denn je.

Da allerdings die Entscheidung für oder gegen das sogenannte Cochlea Implantat (Hörprothese)  schon sehr früh erfolgen muss, weil ab dem 4. Lebensjahr die Hörnervenbahnen verkümmern, sind die Eltern in der Pflicht, für das Kind eine Entscheidung zu treffen, welche das restliche Leben des Kindes beeinflussen wird. Besonders schwierig ist diese Entscheidung oft für gehörlose Eltern. Es sei denn, man gibt dem Kind selbst die Wahlmöglichkeit:

 

Ich lasse das Kind implantieren. Gleichzeitig kann ich es gebärdensprachlich Erziehen, denn trotz CI-Versorgung kann das Baby die Gebärdensprache erlernen. Die Lautsprache ist aber ohne Cochlea Implantate kaum erlernbar. Sobald das Kind dann alt genug ist, kann es selbst entscheiden, was es lieber mag bzw. zwischen Gebärden- und Lautsprache hin- und herwechseln. Das heißt das Kind kann - wenn es mag -  in der Gehörlosenkultur aufwachsen und gleichzeitig an der akustischen Welt teilnehmen. Eine Integration des kleinkindlichen Menschen in die Gehörlosenkultur als auch in der hörenden Welt steht nichts mehr entgegen, eine Win-Win-Win Situation für alle beteiligten entsteht. Oder nicht?


Ich jedenfalls möchte nicht der Vater von einem Kind sein, welches mich dann später fragt, warum ich ihr oder ihm nicht alle Chancen der Wahrnehmung ermöglicht habe. Deswegen halte ich eine CI-Versorgung von gehörlosen Kindern für sinnvoll, auch von gehörlosen Eltern – denn wenn das CI nicht hilft oder nicht benützt wird, kann das Kind später immer noch selbst entscheiden, das CI nicht zu tragen. Ohne die CI-Versorgung nimmt man dem jungen Menschen jedenfalls diese Wahlmöglichkeit und somit auch eine Chance im Leben, bevor es selbst handeln und denken kann. Ich selbst möchte mir nicht das Recht herausnehmen, darüber zu entscheiden, ob ein Mensch hören soll/will/kann oder nicht – das muss der betroffene Mensch selbst tun.

Ob man nun aber Operationen gegen den Willen der Eltern durchsetzen soll, halte ich wie Herr Dr. Zeh von der DCIG in eine Stellungnahme schon richtig formuliert hat, ebenfalls für äußerst fragwürdig. Pro- und Contra gilt es sorgfältig, sachlich, vorurteils- und wertfrei im Interesse des Kindes abzuwägen - hier ist auch vor allem das Klinikpersonal gefragt. Eine umfassende Aufklärung über die Technik, die Operation, Chancen und Risiken für das Kind, sowie dessen Entwicklungsmöglichkeiten sind aufzuzeigen. Das Cochlea Implantat wird von gehörlosen Menschen gerne als Gefährdung ihrer Kultur gesehen und wird allein deshalb oft abgelehnt. Auch geistern leider offensichtlich immer noch sehr viele Vorurteile und unbegründete Ängste gegenüber dem CI in der Gehörlosengemeinschaft herum, welche von sogenannten „GehörlosenexpertInnen“ wie z.B. Karin Kestner auch noch unreflektiert verbreitet werden. Dem kann man nur mit Aufklärung, Aufklärung und nochmal Aufklärung entgegentreten, aber nicht per kontraproduktiven gerichtlichen Weg.

 

Zum Abschluss:


Das CI mag für manche Gehörlose vielleicht "unnötig" sein, weil sie ihr Leben auch ohne Gehör gut gestalten können. Aber können sie das aber auch für einen anderen, kleinen Menschen entscheiden, welcher seine eigene Persönlichkeit (erst) entwickeln wird? Wollen Sie den kleinen Menschen bevormunden und in seiner Gestaltungs- und Entwicklungsfreiheit einschränken? Vor allem dann, wenn es ihr eigenes Kind ist? Ich selbst würde mir das niemals anmaßen wollen. Denn wenn man ein Kind mit einem CI versorgt und bilingual erzieht, kann es vollständig Gebärdensprache UND Lautsprache erlernen. Einem unversorgten Kind bleibt oft nur die Gebärdensprache. Welche der beiden Varianten chancenreicher ist – aus der Sicht des Kindes – müssen Sie selbst beurteilen.