fehrhoert
Geschrieben von Werner Pfeifer

Gib den Ohren eine Chance!

Ich befasse mich seit 20 Jahren mit den Themen Tinnitus, Hören, Schwerhörigkeit und ich bin immer wieder fasziniert, was unser Ohr leistet, wie sehr wie vom Hören abhängig sind (wenn wir hörend geboren wurden) und wie sensibel und doch widerstandsfähig unser Ohr ist.

 

Hast du dir einmal überlegt, wie flexibel unser Gehör ist? Wir können das sprichwörtliche Fallen einer Nadel hören (zumindest solange wir nicht schwerhörig sind 😊 ) aber auch ein startendes Flugzeug. Im ersten Fall sorgt ein eingebauter Verstärker dafür, dass wir die leisesten Geräusche hören und im zweiten Fall übersteht das Ohr auch etwas sehr Lautes. Du hast vielleicht schon erlebt, dass du nach sehr großem Lärm eine gewisse Zeit schlecht hörst. Das ist der Schutzmechanismus vom Ohr. Solche Ereignisse haben allerdings Folgen, wenn das immer wieder passiert. Auch wenn vermeintlich im Moment nichts passiert ist, führen solche Ereignisse langfristig zu Schwerhörigkeit. Das Ohr ist wie ein Elefant, der niemals etwas vergisst.

Allerdings kann auch schon ein einzelnes Ereignis zu Schwerhörigkeit führen. Leider merkst du das erst im Nachhinein und dann wirst du feststellen müssen, dass es im Ohr keine Heilung gibt. Alles, was im Innenohr wird, ist und bleibt kaputt. Die Heilung einer Schwerhörigkeit ist ausgeschlossen. Das Ohr gibt niemandem eine zweite Chance.

 

Wenn du also möglichst lange ein gutes Gehör haben willst, solltest du auf deine Ohren achten. Denn Ohren können sich im Gegensatz zum Auge nicht selbst schützen. Unsere Ohren sind auch 24 Stunden am Tag eingeschalten. Unsere Ohren sind und waren immer unser Alarmsystem. Und ein Alarmsystem schaltet man nicht aus. Damit können unsere Ohren auch schlecht regenerieren, weil wir sie den ganzen Tag ohne Pause belasten und die Nacht dann auch oft durch Lärm gestört ist, z.B. wenn wir an einer befahrenen Straße wohnen.

 

Wusstest du, dass Schwerhörigkeit bei Naturvölkern nicht bekannt ist? Du siehst, wie sehr wir in unserer Gesellschaft Lärm ausgesetzt sind. Es ist auch interessant, dass wir Taubheit nicht simulieren können. Denn selbst wenn wir uns die Ohren zuhalten, hören wir noch etwas. Probier`s aus. Wir können Taubheit nicht simulieren und die Folgen entziehen sich unserem Vorstellungsvermögen.

 

Die Schwerhörigkeit stellt sich bei jedem Betroffenen anders dar und es gibt Funktionen, die Normalhörende nicht ausschalten können, z.B. das Differenzieren von Sprache im Störlärm. Damit kann kein Hörender nachvollziehen, was Schwerhörigkeit wirklich bedeutet. Im Gegensatz dazu können wir Blindheit simulieren, indem wir uns die Augen zuhalten oder alles verdunkeln.

Aus leidvoller Erfahrung weiß ich, wie schwierig es ist, einem normal Hörenden beizubringen, welche Probleme ich in verschiedenen Situationen habe. Er kann sich einfach nicht in die Situation versetzen. Aber ich verstehe das inzwischen und kann das auch nachvollziehen. Etwas, das ich selbst nicht erleben kann, kann ich auch nicht wirklich begreifen. Der Schwerhörige verzichtet dann oft drauf, die Problematik zu erklären. Denn die Erfahrung zeigt eben, dass er das nicht oder nur schwer erklären kann.

 

 

Anmerkung: Werner Pfeifer ist Leiter des Schwerhörigenzentrums Tirol. Er arbeitet seit Jahren mit der HSS-Klinik Innsbruck zusammen. Seine Erfahrungen in der Selbsthilfe- und Behindertenarbeit sucht im deutschsprachigen Raum seinesgleichen. Mit seiner Vortragstätigkeiten an Schulen, Veranstaltungen usw. trägt er sehr viel zur Sensibilisierung der Gesellschaft zum Thema Schwerhörigkeit bei, auch beim AZW vermittelt er jungen Menschen als Referent die Welt der Schwerhörigen unter dem Titel: "Gib den Ohren eine Chance!". Ich bin sehr froh, mit ihm zusammenarbeiten und von seiner Erfahrung profitieren zu dürfen.

Nähere Infos gibt es auf:

www.projectear.com

 

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Werner Pfeifer