fehrhoert
Geschrieben von Sebastian Fehr

Warum die Kaffeepause für mich keine Pause ist

Jeder kennt es: Eine feine Gesprächsrunde bei Kaffee und Jause mit mehreren Menschen in einem Raum. Viele Themen werden in kurzer Zeit abgesprochen: Witze werden erzählt, Pläne fürs Wochenende werden geschmiedet, Erfahrungen und Informationen werden ausgetauscht.  Locker wird gefachsimpelt, über Interna geplaudert und auch über Vorurteile philosophiert. Die Stimmung ist heiter und offen, das Gesprächsklima freundlich. Es wird gelacht, geschimpft, diskutiert, argumentiert und auch ein wenig geneckt. Oft ist ein Einzelner am Wort und die anderen hören zu, aber es wird auch durcheinander gesprochen. Soweit so gut und auch harmonisch.

Mitten darunter: Ich. Angestrengt und konzentriert versuche ich der Unterhaltungsrunde zu folgen, was mir nicht durchgehend gelingt. Es ist auch eine Geschichte der Tagesverfassung: Mal höre und verstehe ich Einiges, Mal vieles nicht. Ich möchte nicht dumm und begriffsstutzig wirken und den Gesprächsfluss ständig stören – deswegen Frage ich nicht immer nach, wenn ich was nicht höre. Obwohl ich mich unwohl fühle, versuche ich, zumindest nach außen Selbstbewusstsein auszustrahlen und frage mich ständig, ob mir das auch gelingt.

Ich verstehe viele Wortfetzen aber nicht alle, mein Gehirn ist ständig mit Hören, Lippenabsehen und kombinieren des Wahrgenommenen beschäftigt. Sprecher- und Themenwechsel, Tassen- und Geschirrgeräusche sowie die schlechte akustische Raumausstattung machen mir nach und nach zu schaffen. Einige verdecken auch ihr Mundbild mit Kaffeetassen oder Pausenbroten oder kauen während dem Sprechen, andere wenden mir gar das Profil zu.

Plötzlich wird ein mir geläufiges Thema diskutiert und ein Gesprächspartner in meiner unmittelbarer Nähe ergreift die Initiative. Es ergibt sich für mich kurzfristig eine akustisch sehr angenehme Situation. Ich überlege: Soll ich mich nun auch an der Diskussion beteiligen oder nicht? Soll ich meine Meinung kundtun oder ruhig sein? Doch was ist, wenn ich nicht alles gehört habe und was „falsches“ sage? Das wäre peinlich und ich stehe wieder mal als „dumm“ da. Noch während ich darüber nachdenke, ergreift die Person mir gegenüber das Wort und wechselt das Thema. Chance vertan.

 

Ich höre weiter angestrengt zu und das Gespräch plätschert dahin. Ich kann nicht allen Teilnehmern folgen und fühle mich zunehmend unsicherer. Deswegen halte ich mich auch überwiegen aus der Diskussion heraus. Um nicht völlig unbeteiligt zu sein und komisch angeglotzt zu werden, nicke ich manchmal bejahend oder schüttle den Kopf bzw. lache, wenn andere es tun.

Plötzlich herrscht Stille in der Diskussionsrunde. Panik macht sich in mir breit. Hat mich wer angesprochen, ohne dass ich es bemerkt habe? Ich schaue unauffällig nach links und nach rechts. Doch aus der Mimik der Menschen in der Diskussionsrunde kann ich erkennen, dass mich niemand was gefragt hat. Ich bin erleichtert. Zu oft habe ich mich schon geschämt, weil ich nicht bemerkt hatte, dass ich angesprochen wurde. Zu oft wurde ich deswegen schon ausgelacht.

 

Doch die Stille hält an. Die Runde sucht offenbar nach einem Gesprächsthema. Da ich mich bisher noch kaum an der Unterhaltung beteiligt habe, verspüre ich zunehmend den Druck, etwas sagen zu müssen. Schnell denke ich durch, welches Thema wohl passen würde: Wo bin ich thementechnisch und argumentativ so sicher, dass ich nicht alles zwingend verstehen muss und auf etwaige Fragen gut reagieren kann? Ich entscheide mich dafür, eine Person welche zufällig auch in meiner Nähe sitzt, nach den Baufortschritt seiner Wohnung zu befragen – das ist taktisch deswegen klug, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ich eine Frage beantworten muss, ist eher gering. Darüber hinaus erzählen Menschen gerne von sich und was sie beschäftigt. Nebenbei muss ich nicht zwingend alles verstehen was gesagt wird, denn ich weiß aus eigener Erfahrung, wie ein Privatbauvorhaben so abläuft.

Die von mir befragte Person erzählt und erzählt und es folgt eine hitzige Diskussion über die hohen Mietpreise in Tirol und die Kosten für Wohnungseigentum im Allgemeinen. Es wird kurz über Rechtliches, wie z.B. die höchst zulässige Baudichte oder Bebauungspläne gefachsimpelt. Am Ende wird noch die Wohnbauförderung besprochen. Über all dies hätte ich viel zu sagen. Ich kenne mich durch meine vorherige Arbeit mit Bebauungsplänen und auch mit den Vorrausetzungen der Wohnbauförderung aus. Trotzdem bleibe ich still.

Gerne würde ich auch mein Wissen preisgeben oder was Witziges sagen. Gerne würde ich auch zeigen, dass ich nicht „dumm“ und durchaus gesprächig und argumentativ sicher bin. Doch die Angst, was nicht zu verstehen und ins Fettnäpfchen zu treten, wie schon viele Male vorher in meinem Leben, ist größer als der Wunsch, sich in der Runde gesprächstechnisch zu profilieren.

 

Daher bin ich froh, wenn die Kaffee-Runde sich endlich auflöst. Das angestrengte Zuhören hat mich müde gemacht, meine Kaffeetasse ist auch schon leer und ich spüre wie meine Konzentrationsfähigkeit sehr nachlässt. Der Gedanke an das Kundengespräch unmittelbar nach dieser „Pause“ lässt mich schaudern, doch ich werde es schon irgendwie schaffen.

Ich halte noch einige Minuten durch, eine Kollegin meinte zum Abschied: “Morgen wieder zur selben Zeit am selben Ort? Ich nehme Kuchen mit!“ Alle nicken begeistert und auch ich tue es.

 

Natürlich werd ich auch Morgen wieder dabei sein und versuchen, dazugehören und alles zu verstehen. Ich weiß, wie wichtig solche Zusammenkünfte für das soziale Gefüge sind. Man erfährt viel Neues über Kolleginnen und Kollegen und das will man natürlich auch mitbekommen. Nur gelingt mir das nicht immer und die Kaffeepause ist oft anstrengend für mich, auch wenn das niemand merkt. So let's try again tomorrow.....

 

Zum Abschluss:

 

Für alle Menschen, welche sich optisch in die Situation Hörgeschädigter bei Besprechungen hineinversetzten wollen nachfolgende Aufgabe:

 

 

Bitte die richtige Antwort in die Kommentarfunktion schreiben! Danke.

 

Bildquellen:

workwide.de

Brigitte Vetorazzi