fehrhoert
Geschrieben von Isabelle Mandl, M.Sc.

EINHÖRN.

Zurzeit kann man sich dem Einhorn-Hype kaum entziehen. Einhorn-Kekse, Einhorn-Duschgel, ja sogar Einhorn-Toilettenpapier gibt es zu kaufen. Selbstverständlich mit Duft nach Zuckerwatte und viel Glitzer. Ebenso viel Glitzer und Aufmerksamkeit sollte das Wort Einhörn bzw. Einhören erhalten. Als Logopädin, die in der Rehabilitation von PatientInnen mit Cochlea Implantaten arbeitet, sammle ich täglich  Erfahrungen, was für das Hörtraining förderlich und was dafür hinderlich ist.

Förderliche und hinderliche Faktoren für das Hörtraining

Sich selbst zu großen Druck machen und alles verstehen wollen: hinderlich.

Sich selbst Zeit geben, sich erst einmal auf die Hörtrainings-Übung einlassen, sich an den Stimmklang des Sprechers oder der Sprecherin gewöhnen und wertungsfrei die Tonhöhe, die Sprechgeschwindigkeit und die Sprachmelodie wahrnehmen: förderlich.

Einhörphase – der Schlüssel zum effektiven Hörtraining

Ich erkläre meinen Patientinnen und Patienten, dass wir das Hörtraining mit einer Einhörphase beginnen und es nicht darum geht, dass sie die gebotenen Inhalte verstehen. Entweder ich spreche etwas vor oder ich spiele Audiodateien über den Computer direkt an den Sprachprozessor ein. Dafür empfehlen sich einfache, sicher abgespeicherte Alltagsphrasen wie etwa „Hallo. Wie geht’s? Guten Morgen! Wie spät ist es? Heute scheint die Sonne. Vielen Dank!“ und so weiter. Die Bedeutung ist unwichtig. Meine PatientInnen dürfen das Gehörte wiederholen, müssen es jedoch nicht. Je nach Fortschritt der Rehabilitation lasse ich von meinem Mund ablesen oder verdecke das Mundbild.

Hörstress vermeiden

Die Grundregel dabei ist, dass der Einstieg ins Hörtraining angenehm ist und keine Überforderung darstellt. Das Hörtraining darf nicht die Areale im Gehirn aktivieren, die Stresshormone ausschütten, sonst sind wir am Lernen gehindert. Das gilt auch für die „echten“ Situationen des Alltags, in denen ich als Therapeutin nicht dabei sein kann. Daher erarbeite ich gemeinsam mit meinen PatientInnen Strategien, um sich auch schwierige Hörsituationen angenehmer zu gestalten. Dabei spielt das Einhören in eine neue Situation eine wesentliche Rolle. Hier sind die wichtigsten Tipps:

 

  • Neue, ungewohnte Hörsituationen stellen neue Anforderungen an Sie. Dafür müssen Sie ausgeruht und am Thema interessiert sein und die optimale Einstellung Ihrer Hörhilfen und Zusatztechnik vornehmen.

 

  • Hören erfordert Konzentration - verpulvern Sie nicht bereits zu Beginn Ihre ganze Energie. Wenn Sie eine neue Hörsituation vorfinden, nehmen Sie sich einige Minuten Zeit, in denen Sie sich nur auf Stimmklang, Sprechgeschwindigkeit und Sprachmelodie konzentrieren und versuchen Sie so gut wie möglich, störende Nebengeräusche auszublenden.

 

  • Machen Sie Ihr Gegenüber auf die Einhörphase aufmerksam und – wenn möglich – bitten Sie ihn oder sie, zuerst ein bisschen Smalltalk zu führen, damit Sie sich eingewöhnen können. Bitten Sie um Wiederholung des Gesagten oder nehmen Sie z.B. bei einem Vortrag das Gesprochene auf, um später noch einmal nachzuhören, was gesagt wurde.

 

Leistungssport ohne eine adäquate Aufwärmphase wäre undenkbar. Eine vergleichbare Höchstleistung vollbringen Sie während des Hörens. Wie wichtig eine individuell angemessene Einhörphase ist, darf daher nicht unterschätzt werden.

 

Anmerkung: In Zukunft wird es immer wieder interessante Gastbeiträge von verschiedensten Menschen geben, welche ich im Laufe meiner "Hörreise" kennenlernen durfte. Als erste "Gastbloggerin" hat sich Fr. Mandl aus Wien bereit erklärt, meinen Blog mit einem Text zu bereichern. Fr. Mandl hat das Masterstudium Logopädie erfolgreich absolviert. Mittlerweile arbeitet sie an einer renommierten Klinik in Deutschland vor allem in der CI-Rehabilitation. Vielleicht werden wir hier künftig öfter was von ihr lesen - es freut mich sehr, mit einer Expertin aus der Logopädie befreundet zu sein.