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Geschrieben von Sebastian Fehr

Vom Ende zu wissen....

Heute möchte ich ein Gedicht posten, welches ich wenige Stunden vor meiner CI-Operation auf meinem Smartphone verfasst habe. Genauer gesagt am 06.09.2016, etwa gegen 05:00 Uhr überkamen mich regelrecht die Emotionen. Ich war verzweifelt. Ich wollte mein Gehör nicht verlieren. Doch ich wusste, es ist bald so weit. Ich hatte Angst. Ich war alleine. Die Ungewissheit war groß, es gab kein zurück mehr. Es war vielleicht einer der krassesten Momente im meinem Leben, diese Nacht in der Uniklinik St. Pölten, kurz vor meiner CI Operation. Ich möchte deshalb diese Zeilen nun ungefiltert mit euch teilen - diese zeigen auch, dass ich Angst und Zweifel hatte:

 

Vom Ende zu wissen

Viel schlimmer als ein ungewisses Ende ist es von dem Ende zu wissen.
Denn etwas Unausweichliches ist endgültig und du weißt schon vorher du wirst es vermissen.



Was dir bleibt ist die Erinnerung, denn für die Zukunft musst du darauf verzichten.
Alles was dir bleibt ist eine Ahnung von dem was du konntest, denn es geht nicht mehr zu richten.

28 Jahre hast du mich begleitet und jetzt ist es endgültig vorbei.
Dank dir konnte ich viele unvergessliche Momente und Emotionen erleben, und ich kann mit Stolz behaupten, es war extrem viel Schönes dabei.

Einiges werd ich nie vergessen, anderes jedoch schon.
Und genau davor hab ich Angst - vor dem Vergessen. Wie wird mir was entfallen, wann genau und wovon?
Das Schicksal verarscht dich, nicht einmal sondern immer wieder.
Und irgendwann bleibt dir nur mehr die Erinnerung an die schönsten Lieder.

Erinnerung an die schönsten Lieder oder an die Menschen die sagen, du schaffst das, „Come on!“.
Menschen die nicht wissen wovon sie reden, denn sie kennen nicht diese abartige Situation –

Vorher zu wissen dass man nie mehr Hören kann,
so wie 28 Jahre lang.
Nichts mehr so zu hören wie du es 28 Jahre kennst,
wo du jeden Ton eines Musikstückes benennst
aber nachher ist dir die Melodie völlig fremd
weil du nicht mal mehr die Stimmen deiner Freunde und Verwandten erkennst,
weil alles klingt so verzerrt und gehemmt -
weil dein kaputtes Gehör dich von dir und der Welt trennt
und es dadurch  tief in deinem Herzen lichterloh brennt -

weil du wusstest wie schön Musik und Harmonien klingen,
du hörtest wie es klingt, wenn Chöre singen,
du konntest exakt auf 442 Herz stimmen,
doch was nützt dir das heute wenn deine Ohren dimmen
und dir die möglichen ärztlichen Eingriffe nur Gehörlosigkeit bringen?

Etwas verlieren und nicht mehr richtig reparieren zu können, dass ist beschissen.
Etwas zu verlieren ohne etwas dagegen unternehmen zu können fühlt sich an wie dissen.
Und zwar bist du der "gedisste", vom Schicksal gefickt.
Und all diese Gedanken machen dich verrückt.

Du fühlst Hass, Zorn, Wut und noch viel mehr negative Energie –
Du denkst: Warum du, immer nur und warum nicht die?
Warum wird dir was genommen, wovon du eh schon wenig hast?
Gott oder wer auch immer ist wohl ein humorloser Spaßt.

Vom Ende zu Wissen ist heftig und scheiße.
Jemand dreht dein Gehör plötzlich auf lautlos-leise.
Vor dir liegt eine ungewisse Reise.
Vielleicht ohne Harmonien,
vielleicht ohne Melodien,
kurzzeitig vielleicht auch ganz ohne Ton.
Aber nur die wenigsten kommen in die Situation,
zu sagen: „Was ist jetzt, fate-bitch, wars das etwa schon“?
Und wer weiß - vielleicht ist diese harte Kämpferei irgendwann doch nicht ohne Lohn.

 

Ich möchte zum Abschluss betonen, dass diese Zeilen aus einer Außnahmesituation stammen und für mich der Weg bis jetzt ein absolut Guter war. Mein Leben hat sich seit der Operation sehr gut entwickelt und dafür bin ich dankbar. Dennoch gab es auch einige Situationen, die nicht so schön waren. Auch diese Momente möchte ich auf meinem Blog präsentieren. Es ist ich nicht immer alles "fröhlich, heiter Sonnenschein". Es gab auch für mich dunkle Momente vor und auch nach der CI-Operation und diese gibt es auch jetzt noch. Aber insgesamt gesehen würde ich heute sagen, dass mich diese Augenblicke stärker gemacht haben. Den es stellte sich bei mir eine Art "jetzt erst Recht"-Mentalität ein. Frei nach dem Motto: "Geht nicht, gibs nicht!"
Grenzen sind dazu da um überwunden zu werden - man muss sich nur trauen.

Euer Sebastian