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Geschrieben von Sebastian Fehr

Warum Brille und Hörhilfe sich nicht unähnlich sind

Es ist generell unbekannt dass Hörhilfen – wie die Brille – die Lebensqualität betroffener Menschen sehr erhöhen können. Doch während das Hörgerät in der gesellschaftlichen Wahrnehmung noch eher ein Tabuthema ist, hat sich die Brille als normales Hilfsmittel zur Steigerung der Sehkraft etabliert und gilt schon eher als Mode-Accessoire. Das Hörsystem hingegen wird immer noch als Schwäche ausgelegt, welche unbedingt versteckt werden muss. Aber warum ist das so? Dieser Frage möchte ich auf dem Grund gehen.

Dazu eine kleine Anekdote aus meinem Leben: Neulich durfte ich zusammen mit einem Hörakustiker Vorträge an einer NMS in Tirol halten, wie berichtet. 12 x 50 Minuten hatten wir die Aufgabe den Jugendlichen der Schule das Thema „Hören, Lärmgefahren und Hörhilfen“ näher zu bringen. Dabei erfuhr ich, welche Vielfalt an Charaktere sowohl bei den Kindern als auch bei den Lehrern zusammenkommt. Es war richtig faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich die jungen Menschen auf das Thema reagierten.

Was mir aber extrem aufgefallen ist, war die ungebremste und unvoreingenommene Neugier der jüngsten Schülerinnern und Schülern, sowie die für mich gefühlt eher reservierte Haltung der höheren Schulstufen gegenüber Hörstörungen, frei nach dem Motto: Was anders ist, ist abnormal!

Daher bin ich fest der Meinung: Je jünger die Schülerinnen und Schüler sind, welche mit CI, Hörsystemen und Co konfrontiert werden, desto „normaler“ wird deren Umgang für diese jungen Menschen dann in ihrem späteren Leben. Denn ganz im Gegensatz zur Brille genießen Hörhilfen noch nicht den Status der „Alltäglichkeit“ –  obwohl mittlerweile zumindest in Österreich schon 20 % der Menschen CI‘s  oder Hörsysteme zur Steigerung der Lebensqualität benötigen würden. Die Dunkelziffer ist weitaus höher.

Das heißt: NMS, Unterstufengymnasien sowie die Volksschule (ab der 3. Klasse) sollten das primäre Ziel einer Schulkampagne zum Thema „Hören, Lärmgefahren und Hörhilfen“ sein. Ich sehe hier nämlich das größte Potenzial den jungen Menschen die Berührungsängste zu dem Thema zu nehmen. Ab den 13 Lebensjahr ist es hierfür meiner Meinung nach schon zu spät – die Aufklärung über das Thema muss vorher erfolgen. Denn das Unterbewusstsein füllt sich am meisten im Kindesalter. Je früher man ein Kind einen Einblick in die Welt der Hörstörungen gewährt, desto wahrscheinlicher ist es, dass es dem klassischen „nicht-betroffenen“ Kind später leichter fällt und „normaler“ vorkommt, mit hörgeschädigten Menschen Kontakt zu haben.

Was aber nicht bedeutet, dass man die „älteren Menschen“ ignorieren soll. Im Gegenteil. Auch hier muss künftig eine Themenpenetration erfolgen. Das Hörsystem muss weg vom traurigen, schlimmen Image und hin zum Trendprodukt. Als Vorbild dient hier wieder das Mode-Accessoire  Brille. Schmuck fürs Ohr und Piercings gibt es ja nicht erst seit gestern – warum zum Henker darf dann ein Hörsystem am Ohr nicht auffallen?

Wie auch bei Sehhilfen – die mal möglichst unauffällige und dann wieder möglichst auffällige Brillengläser und -rahmen hatten – sollte auch bei den Hörhilfen ein Umdenken stattfinden. Nicht nur bei der Gesellschaft, sondern auch bei Hörsystemherstellern. Nicht kleiner und noch versteckter soll das Ding platziert werden. Sondern auffälliger sollte es werden und modischer. Warum sollen auch Hörsysteme nicht mit den Trends gehen? Denn die derzeitige Tendenz zu klein, kleiner am kleinsten bringt nicht nur Vorteile für die Leute (siehe mein Blog „je kleiner desto besser“) sondern auch die Technik leidet unter dem Platzmangel. Das wissen viele Betroffene nicht und wundern sich dann, warum ihr Hörgerät nicht so gut hilft.

Dabei sind die Hörsystemhersteller unbedingt in die Pflicht zu nehmen: Will ich möglichst viele Produkte verkaufen oder dem Menschen eine möglichst hohe Lebensqualität gewährleisten? Einige Hersteller beantworten diese Frage wohl mit Profitgier. Sie argumentieren damit, dass Sie anbieten, „was der Kunde will“. Dabei vergessen diese Hersteller bewusst, dass Betroffene oft nicht wissen was sie tun. Auf Grund von Eitelkeiten wird zu Gunsten der Größe gerne bei Funktionen und Qualität gespart und das wissen viele Hörsystemträger nicht. Dann gibt es oft die großen Krokodiltränen, wenn man in diversen Situationen von seinem Hörsystem nicht so gut unterstützt wird wie es möglich wäre – wenn man das größere Modell genommen hätte. Hier sind in erster Linie die Verkäufer und Hersteller von Hörsystemen absolut in die Pflicht zu nehmen um für ausreichend Aufklärung der Kunden zu sorgen.

Denn Eines darf man nie vergessen und das eint alle Betroffenen, egal ob Seh- oder Hörstörung: Wir wollen in erster Linie besser hören so wie auch Brillenträger mit ihrer Brille besser sehen wollen. Darauf kommt es an, und nicht auf Größe, Form und Eitelkeiten.