fehrhoert
Geschrieben von Sebastian Fehr

Mission (C)Impossible: Back on stage in 6 months Part I

Man sagt, Musikhören sei die Königsdisziplin für Cochlea Implantat - Träger.
Man sagt außerdem, das CI ist nur für das Sprachverstehen ausgelegt.

Als ich im August 2016 hörsturzbedingt meine Recherchen über Cochlea Implantate begann, wurde ich mit vielen Halbwahrheiten konfrontiert. Teilweise stammte dieses Halbwissen von Ärzten, die es nicht besser wussten, teilweise auch von CI Herstellern, die ihre Produkte auch heute noch offensiv und euphorisch umwerben und die Konkurrenz unnötig diskreditieren.
Last but not least findet man auch im Internet ziemlich viel unbelegte Geschichten, welche alle möglichen und unmöglichen Thesen belegen sollen.

Als Laie fragte ich mich dann: Was stimmt denn nun wirklich? Die Aussage des regionalen Facharztes, dass man das Musizieren vergessen kann?
Die Werbung der CI Firmen, welche suggerieren, dass mit dem CI alles und mehr möglich ist? Oder etwa doch der Post von Mrs/Mr. X auf Facebook, der meint, mit CI sogar die Regenwürmer aus dem Nachbardorf husten zu hören? Ich stand also zwischen zwei Stühlen und wusste nicht was ich glauben sollte. Informationen mussten her, ich wollte so viel über die Materie CI wissen wie möglich. Denn wer nichts weiß muss bekanntlich alles glauben.


Mir blieb also nichts anderes übrig, diverse HNO-Ärzte im deutschsprachigen Raum zu kontaktieren und um Ihre Meinung zu bitten – zeitgleich schrieb ich alle größeren CI Hersteller ebenfalls mit meiner Hörhistorie und entsprechenden Befunden an und bat um eine maßgeschneiderten Information per Mail. Ich schrieb alle möglichen und unmöglichen Personen an, die sich im Bereich Hörschädigung Experten nannten – von Audiologen, Logopäden bis hin zu Musiktherapeuten und sogar Psychologen. Ich unterhielt mich auch lange und intensiv mit einigen Hörakustikern und lies mir die CI- Technik mehrmals genauestens von Fachleuten erklären, denn ich wollte Information über die Materie, sowie Fakten und kein Firmen-Werbematerial.

Schnell begriff ich aber, dass die negativ gesinnten Ärzte wohl recht haben müssen: Ein CI kann das natürliche Hören einfach nicht ersetzen, das ist technisch nicht möglich.
Ca. 20 Elektroden werden nie die Leistung der 15.000 schwingenden Härchen in der Hörschnecke ersetzen können, welche der Schall in Bewegung versetzt. Darüber hinaus bieten zwar manche CI‘s eine Lautstärkenbandbreite von ca. 80 dB, eine unterschiedlich hohe Anzahl von Frequenzbändern sowie ein Klangspektrum bis zu 9000 Hertz. Doch verglichen mit einem Normalhörenden, dem bis zu 20.000 Hertz zur Verfügung stehen und bei welchen die Lautstärkenbandbreite bis zu 150 dB gehen kann (darüber hinaus halt oft nur in Verbindung mit einer Hörschädigung) sind das sprichwörtlich „Peanuts“ – von der Klangqualität und dem Soundvolumen will ich gar nicht sprechen. Von der technischen Seite gesehen ist daher eigentlich klar: Das CI ist zum Sprachverstehen ausgelegt und Musik wird nie mehr so sein wie ich es kannte.

Mit meinem neu angeeigneten, technischen Wissen konnte ich mir daher nicht mehr vorstellen, je wieder Musik genießen geschweige denn selbst aktiv musizieren zu können. Ich versuchte daher, mich von meinem Musikerleben zu verabschieden und verkaufte meine Blasinstrumente – natürlich war das ein sehr emotionaler Moment in meinem Leben. Wenn man etwas sehr gerne tut und man die Fähigkeit, seine Leidenschaft auszuüben, quasi von einem Tag auf den anderen verliert, ist das schon sehr schwer zu verkraften. Ich kann mich noch sehr gut erinnern, wie ich damals offen an Suizid gedacht habe. Ein Leben ohne Musik ist und war für mich nicht vorstellbar.

Als ich meine Hoffnungen schon beinahe aufgegeben hatte, meldete sich plötzlich eine eloquente Musiktherapeutin aus Salzburg bei mir, welche ich in meinem „Informationswahn“ ebenfalls kontaktiert hatte - auf Grund ihrer sachkundigen Beiträgen in diversen Fachzeitschriften. Diese erklärte mir erstmals, dass die Hörvorlieben und -erfahrung des Menschen eine große Rolle spielt, und dass man mit Hörtraining relativ viel erreichen kann. Versprechen könne sie mir allerdings nichts, aber es gäbe durchaus bekannte Fälle unter CI-Versorgte, welche ihren Weg zurück in die Musik gefunden haben.

Ich war zwar alles andere als überzeugt, doch schöpfte wieder etwas Hoffnung aus den Ausführungen der Musiktherapeutin. Gepaart mit einer positive Eigenschaft an mir - nämlich meiner „Stehaufmännchen“-Qualitäten – konnte ich einen unbändigen Lebenswillen generieren. „Wenn es Leute gibt, die es geschafft haben, warum nicht auch ich?“ dachte ich mir. Ab diesen Zeitpunkt beschloss ich, nach vorne zu schauen und das beste aus meiner Situation zu machen – alles andere bringt eh nichts und ist nur verschwendete Lebenszeit.

Ermutigt von den Worten der Expertin aus Salzburg, vereinbarte ich einen Termin an der regionalen HNO-Klinik zur CI-Vorbesprechung. Leider war dies subjektiv gesehen ein Reinfall – ich konnte dort kein Vertrauen zum operierenden Arzt gewinnen, welches meiner Meinung nach bei einer OP am Kopf das A und O ist. Vor allem wird dort auch nur ein Hersteller implantiert. Damit werden Betroffene ja massiv in ihrer Entscheidungsfreiheit eingeschränkt. Das ging für mich einfach gar nicht. Denn wenn ich mir schon meinen Kopf aufschneiden lassen muss, will ich wenigstens entscheiden können, was hinein kommt.

Deswegen nahm ich eine 500 km Reise per Auto auf mich und ließ mich in einem anderem Bundesland von einem Mann mit enormer Reputation in der Branche beraten und schließlich auch implantieren. Bei der Herstellerwahl ließ er mir freie Hand und auf Grund der gesammelten Informationen war ich auf diese Entscheidung bestens vorbereitet. Die Implantation verlief reibungslos. Auf Grund eines neuartigen, relativ schmalen Implantat konnte ich 2 Tage nach der OP schon entlassen werden. 2 Wochen später kam ich für die Erstanpassung wieder in die 500km entfernte Klinik - und was soll ich sagen?

Ich konnte auf Anhieb Sprache verstehen und einige Stunden später am selben Tag noch in der Cafeteria der Klinik einen Cappuccino bestellen. Zwar war ich noch aufs Lippenlesen angewiesen - doch das bewusst leise akustische Signal, welches am Anfang eingestellt wird, reichte für mich schon aus, um mich besser mit Mitmenschen zu verständigen, als vor der OP.
 
Nun begann also für mich in eine Reise in eine theoretisch vollkommen neue Klangwelt, welche in der Praxis dann gar nicht so vollkommen neu war – aber davon schreib ich dann in einem meiner nächsten Blogs auf fehrhoert, wenn es dann heißt: Mission (C)Impossible: Back on stage in 6 months Part II

Euer Sebastian