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Geschrieben von Sebastian Fehr

Wie hörst du eigentlich?

In meinem Leben wurde ich schon mit vielen Fragen konfrontiert. Wenige davon konnte ich bisher zufriedenstellend beantworten. Viele Fragen haben sich so wie ich im Laufe der Zeit verändert, einige sind dennoch gleich geblieben. Nachfolgende Fragestellung scheint aber irgendwie zeitlos zu sein. Wahrscheinlich hat sie jeder hörgeschädigte Mensch in seinem Leben schon mal gehört. Obwohl so einfach und so schlicht, ist die Beantwortung umso schwieriger:

„Wie hörst du eigentlich?“

Immer wenn ich diese Frage höre, wird mir bewusst wie paradox die Welt eigentlich ist. Wenn man einen Guthörenden dieselbe Frage stellen würde, käme als Antwort: „Ja normal halt!“. Richtig – und warum sollte es mir als hörgeschädigten Menschen anders ergehen? Warum wird mir die Frage gestellt? Warum fragen Hörende sich nicht gegenseitig aus, wie sie eigentlich hören? Nur weil ich schlechter höre, heißt das doch nicht, dass ich anders höre?  Oder doch?


Wenn jemand von Geburt an Hörsystem- oder CI-Träger ist, dann ist der akustische Input ein anderer, aber für den Betroffenen genau so „normal“ wie der Höreindruck eines guthörenden Menschen. Doch wie kann das sein? Das Gehör ist ja beschädigt – ein „normales Hören“ ist ja laut Audiogramm nicht möglich.

Es ist ganz einfach: Unser Gehirn entscheidet, „wie wir was hören“ und manchmal sogar ob wir überhaupt was hören. Die Ohrmuschel, der Gehörgang, das Trommelfell, die Gehörknöchelchen, die Cochlea-Schnecke, der Hörnerv und die Verbindungen ins Hirnzentrum sind „nur“ Signalboten. Sie überbringen Reize, welche das Gehirn verarbeiten muss. Und jedes Hirn arbeitet bekanntlich anders und doch irgendwie gleich. Das macht die Fragestellung so kompliziert, denn das Hören ist eine komplexe Angelegenheit. Jedes Ohr ist marginal anders trainiert bzw. abgerichtet von seinem Gehirn und von den Hörvorlieben des Menschen. Obwohl die Audiometrie-Ergebnisse von zwei Personen identisch sein können, heißt das noch lange nicht, dass die beiden auch gleich hören und Akustik gleich wahrnehmen. 

Was ist also nun entscheidend für den Höreindruck?

Natürlich wär ein unbeschädigter Signaleingang richtig und wichtig. Doch wenn dieser kaum oder nicht vorhanden ist, dann macht das Gehirn einfach das Beste aus dem zur Verfügung stehenden Material. Es vergleicht dann mit den vorhandenen Hörerinnerungen und –erfahrungen und holt sich gleichzeitig weiter Informationen von anderen Sinnesorganen (zb.: Augen, Lippenlesen!). Erst wenn dieser rasend schnelle Vorgang abgeschlossen ist, hören wir, was wir hören.  Unser Höreindruck ist also das Ergebnis aus dem akustischen Eingang, der Information anderer Sinnesorgane und der Hörerinnerung, dessen Parameter unser Hirn in Lichtgeschwindigkeit kombiniert. Bei manchen Menschen (Normalhörenden) gibt es eben mehr von dem akustischen Signal, was weniger „Kombinationsarbeit“ für das Hirn bedeutet. Umgekehrt ist es bei schwerhörigen Menschen. Der akustische Eingang ist kaum oder gar nicht vorhanden, deswegen muss sich das Hirn vermehrt auf andere Sinnesorgane verlassen und sich aus seinem Erfahrungsarchiv bedienen – dies bedeutet natürlich auch wesentlich mehr ermüdende Denkarbeit für das Gehirn.

Spannend wird es, wenn Menschen, welche von Geburt an gehörlos sind, implantiert werden. Diese können ja über keine Hörerinnerungen und dergleichen verfügen. Wie hört so jemand? Die Antwort ist einfach: So „normal“ wie du und ich aber doch anders. Guthörenden stehen 20.000 feine Härchen zur Verfügung, welche die Cochlea stimulieren. CI-Träger haben für die gleiche „Arbeit“ nur etwa zwei Dutzend Elektroden, die dieselbe Aufgabe erfüllen sollen – es ist technisch unmöglich, diesen massiven Signalinputverlust zu kompensieren. Doch diese Menschen bauen sich einfach ein anderes Hörgedächtnis auf. Andere Hörerinnerungen und –Erfahrungen, wie wir uns es wohl sehr schwer vorstellen können. Deren Hirn lernt mit der Einschränkung umzugehen – doch für den von Geburt an Betroffenen selbst bedeutet dies kaum eine Einschränkungen, weil er nichts anderes kennt. Entscheidend ist hier der Implantationszeitpunkt, je früher desto besser. Langzeitbeobachtungen vieler Frühimplantierter zeigen oft erstaunlich gute Hör- und Sprachergebnisse: Erst neulich durfte ich bei meinem Rehabilitationsaufenthalt in Bad Nauheim eine junge Frau aus Hannover kennenlernen, welche mit knapp 4 Jahren implantiert wurde und heute mit 22 das schönste Hochdeutsch spricht, welches ich je gehört habe. Diese Frau ist bei weitem kein Einzelfall und die Technik hat sich mittlerweile sehr gut weiterentwickelt.

Unser Hirn ist also sehr flexibel was das Verarbeiten von Eingangssignalen anbelangt und das durfte ich schon mehrmals an mir selbst erfahren:

Als ich vor 18 Jahren mein erstes, analoges im Ohr Hörgerät bekam, hat alles verzerrt und unangenehm geklungen. Der Sound war mechanisch und sogar minimal zeitverzögert und ich wollte nichts damit zu tun haben. Außerdem wollte ich als 11-Jähriger nicht anders sein als meine Mitschüler wegen Mobbing und so. Deswegen trug ich mein Hörsystem in allen möglichen Taschen umher – egal ob Schul-, Hosen-, oder Sporttasche. Bloß in meinem Ohr war es selten zu finden. Erst als ich mit 13, 14 bemerkte, dass ich in der Schule besser mitkam und meine Noten sich etwas besserten, blieb meine Hörhilfe regelmäßiger und länger im Ohr. Mit der Zeit gewöhnte ich mich ans Hörgerät und mein Gehirn sich an den neuen Input. Und siehe da, mit 15 hatte sich mein Kopf schon so an die neue Klangwelt gewohnt, dass sich für mich alles wie früher anhörte. Ich konnte wirklich keinen Unterschied mehr feststellen.

Denselben Effekt bemerkte ich, als ich mit etwa 17 Jahren vom analogen Hörgerät auf das erste digitale hinter dem Ohr Gerät umstellte. Auch da dauerte der Gewöhnungseffekt etwa 1-2 Jahren, doch dann war die neue Begebenheit für mich zur Normalität geworden.

Deswegen Frage ich euch und auch mich: Warum soll das bei einem CI nun für mich nun anders laufen? Meine Hörerinnerungen sind ja immer noch die gleichen – warum sollte ich plötzlich anders hören?

Die Antwort: Ich trage mein CI jetzt seit etwa 4 Monaten, das heißt ich bin noch mitten in der ersten Gewöhnungsphase. Viele Geräusche sind für mich jedoch heute schon "genau so wie früher". Einige Dinge klingen noch anders, wie zB Musik. Ich erfreue mich allerdings definitiv einem besseren Sprachverständnis im Beruf und Alltag, was mein Leben sehr erleichtert hat. Das CI hat mir enorme Lebensqualität zurückgegeben, die ich nicht mehr missen möchte. Ich bin selbstbewusster geworden, traue mich wieder unter Leute. Und das wichtigste ist: Ich sehe wieder eine Zukunft für mich. Eine positive Zukunft, welche ich vor 8 Monaten nicht für möglich gehalten hätte.

Abschließend: Das Hören ist eine komplexe und vor allem subjektive Sache. Es gibt kein "objektives Gehör" auf diesem Erdball, denn für jeden Menschen hören sich akustische Signale unterschiedlich an - Stichwort "Wahrnehmung". Unser Hirn ist sehr flexibel und anpassungsfähig und arbeitet mit allerlei Tricks, um etwaige Hörschwächen zu kompensieren. Was bedeutet das nun für mich: Werde ich je wieder so hören wie früher? Nein, bestimmt nie mehr. Aber mein Hirn wird sicher einen Weg finden, mir abermals vorzugaukeln, dass alles so wie früher ist – wie damals, als ich ein 7 Jähriger Junge war und noch keine Ahnung von Hörsystemen, Cochlea Implantaten und all den anderen Dingen hatte.

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