fehrhoert
Geschrieben von Sebastian Fehr

"Ein Stinktier im Warteraum"

Der Blog fehrhoert.com soll auch unterhalten. Deswegen möchte ich heute eine Leseprobe aus meinem Buch veröffentlichen, an welchem ich momentan in meiner Freizeit schreibe. Das Buch handelt von Ereignissen aus meinem Leben - natürlich spielen daher die Themen Hörschädigung, Hörgeräte, CI-Implantate eine große Rolle. Ich habe viele traurige, lustige aber auch peinliche Momente erlebt und auch aufgeschrieben und heute möcht ich einfach ein Kapitel daraus mit euch teilen. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen und ich freue mich wie immer auf Rückmeldung:

    Ein Stinktier im Warteraum

Wieder einmal hatte ich einen Termin in der HNO Ambulanz der Universitätsklinik. Es war eine Hörprüfung fällig. Ziemlich verschwitzt und fertig vom Sportunterricht erreichte ich überpünktlich kurz vor 14:00 Uhr den Warteraum der Ambulanz.

Eigentlich hätte ich gerne die Doppelstunde Sport auf Grund der Untersuchung sausen lassen. Doch mein Lehrer wollte mir keine 2 Freistunden gönnen und so musste ich nach dem Basketballspielen im Turnsaal rasch zum Bus hetzen, um termingerecht im Krankenhaus zu erscheinen. Es war nicht mal mehr Zeit zum Duschen und deshalb fühlte ich mich sehr ungepflegt.

Zum Glück hatte ich freie Platzwahl, denn das Wartezimmer war leer. Trotz Überpünktlichkeit machte ich es mir auf einem Stuhl so bequem wie möglich und kramte den aktuellen Harry Potter Band aus meinem Schulranzen hervor. Denn erfahrungsgemäß wusste ich, dass „unaufschiebbare Notfälle“ in der Ambulanz der Regelfall und nicht die Ausnahme sind. Deswegen kann der Aufenthalt im Warteraum - den ich mit seinem Aquarium und dem Zeitungsständer mit Illustrierten, welche mindestens 2 Monate alt waren, mittlerweile so gut wie meine Westentasche kannte - trotz Termin manchmal 1-2 Stunden dauern.

Das spärlich eingerichtete, kleine, aber dank der großen Fenster gut durchleuchtete Zimmer bot Platz für etwa 10 Patienten und konnte neben dem erwähnten Aquarium, in welchem verschiedene Clownfische und Korallen zu sehen waren, auch mit einer Sitz- und Spielecke für Kinder aufwarten. Als ich gerade damit beschäftigt war, herauszufinden, wie Harry Potter mit seinen Freunden die Quidditch-Weltmeisterschaft erlebte, gesellte sich eine junge Frau mit ihrer kleinen Tochter zu mir in den Warteraum:

    „Mama, da!“

rief das etwa 6-jährige Kind glücklich und zog ihre Mutter im Schlepptau schnurstracks auf die Spielecke zu, genau gegenüber von mir. Das Signal war deutlich: Das kleine Mädchen wollte spielen und Mama sollte mitmachen. Geklapper und Gelächter waren die Folge, was mich weiter nicht störte. Die Frau blickte mich immer wieder entschuldigend an, doch ich lächelte nur zurück und gab ihr so zu verstehen, dass mir die Geräuschkulisse nichts ausmachte. Nach einiger Zeit konnte sich die junge Mutter von der Spielecke loseisen und schnappte sich eine der monatealten Zeitschriften und begann ebenfalls zu lesen. Ich war bereits wieder in der Welt von J.K. Rowling vertieft, als ich plötzlich bemerkte, wie ruhig es im Raum nun war. Ich hörte zwar gedämpft die Geräusche, welche das Kind beim imaginären Teekochen mit ihrem „Schnappi“ Stoffkrokodil fabrizierte. Doch ich hörte nicht mehr, wie ich das Buch zuklappte. Das konnte nur eines bedeuten: Die Batterie meines Hörgerätes war offensichtlich leer.

Deswegen zog ich die Schultasche zu mir und kramte nach meinen Ersatzhörgerätebatterien. Da ich kein Fan von sortierten Ablagesystemen bin – ganz im Gegensatz zu meiner Mutter – dauerte es eine Weile, bis ich die Energiequellen für meine Hörhilfe fand. Meine Suchaktion blieb aber nicht geheim, denn auch die Aufmerksamkeit des Kindes wurde nun zum ersten Mal seit der Ankunft auf mich gelenkt. Das Mädchen starrte mich an und ich erkannte, dass sie ihrer Mutter mit ihren strahlend grünen Augen und den dunkelblonden Haaren wie aus dem Gesicht geschnitten war. Ich versuchte freundlich zurück zu lächeln, doch ich musste wohl etwas zombieartiges an mir haben: Denn das Kind war nun etwas verschreckt und stürzte zu ihrer Mutter auf den Schoß, ohne mich aber aus den Augen zu lassen. Ich wandte mich wieder meinen kleinen Zink-Kohle-Batterien zu und holte nun mein Hörsystem hinter dem Ohr hervor.

Das Kind machte nun große Augen und deutete hastig mit dem Zeigefinger auf mich –

    „Da Mama schau!“.

Die Situation war der Mutter sichtlich peinlich und obwohl ich das Hörgerät noch nicht auf hatte, konnte ich hören wie sie das Kind belehrte:

    “Julia, mit dem Zeigefinger zeigt man nicht auf fremde Leute!“

Ich lächelte nur und sagte:

     “Das macht doch nichts“ und wandte mich nun dem Kind zu: „Willst du mal sehen“?

Ich konnte an der Mimik sehen, wie ich die Neugier des kecken Mädchens geweckt hatte. Dennoch war es unsicher und scheu wie ein Reh und wusste nicht so recht, wie es reagieren sollte. Einige Momente vergingen, und das Kind drückte ihr Stoffkrokodil, welches damals durch den „Schnappi-Song“ Beliebtheit bei jung und alt erlangte, an sich. Doch dann wurde der Entdeckungsdrang des Kindes doch größer als die Vorsicht:

    „Ja..“

meinte das Mädchen dann schüchtern, nachdem es kurz zu ihrer Mutter aufgeschaut hatte, welche ihr ermutigend zulächelte.
Ich stand von meinem Stuhl langsam auf und bewegte mich auf die beiden zu. Kurz vor dem Kind ging ich in die Hocke und streckte ihr meine Hand offen entgegen, auf der mein Hörsystem lag. Das Kind begutachtete meine Hörhilfe kurz und warf nun endgültig ihre restliche Scheu über Bord – es entwickelte sich nachfolgendes Gespräch:

    „Was ist das“?

    „Das ist ein Hörgerät – ich brauch das, um gut zu hören“

    „Aber du hörst doch?“

    „Ja, aber mit dem Gerät besser – da kann ich den Schnappi-Song besser hören ohne dass ich die Lautstärke vom Radio aufdrehen muss“

    „Mein Opi hat auch sowas, das ist aber viel viel größer. Der hört aber nie Schnappi. Mami sagt sowas brauchen bloß alte Leute…“

An dieser Stelle musste ich kurz lachen. Julias Mutter bekam einen leicht rötlichen Kopf und erwiderte hastig:

    „Aber das stimmt doch gar nicht, Julia. Es gibt auch jüngere Menschen oder sogar Kinder, die ein Hörgerät tragen!“

Das Kind meinte schlagfertig:

    „Da kenn ich aber niemanden, Mama!“

Im Stillen musste ich Julia recht geben. Obwohl ich nun schon einige Zeit Hörgeräteträger war, kannte ich in meiner Umgebung niemanden in meinem Alter oder jünger, welcher auch hörgeschädigt war. Selbst beim Hörakustiker sah ich immer nur ältere Menschen. Zur Erinnerung: Zur damaligen Zeit gab es noch kein Facebook oder WhatsApp, sondern die Handys mit schwarzweiß Display und ohne Internetfunktion waren weit verbreitet. Der Informations- und Datenaustausch war daher also noch sehr begrenzt. Zu Julias Aussage meinte ich damals daher diplomatisch:

    „Es gibt sicher einige Kinder, die auch ein Hörgerät wie ich, tragen. Vielleicht auch bei dir im Kindergarten. Wahrscheinlich hast du nur die kleinen Geräte noch nicht entdecken können!“

Das Mädchen dachte nun angestrengt nach. In diesem Moment kam eine Stationsschwester in das Wartezimmer und rief mich zu Hörprüfung auf. Daher setzte ich nun mein Hörgerät auf und verabschiedete mich von den beiden:

    „Schönen Tag noch – ich hoffe ihr müsst nicht mehr zu lange warten.“

    „Tschüss!“

meinte Julia und winkte mir mit ihrem Stoffkrokodil artig zu. Ihre Mutter lächelte dankend zum Abschied. Ich folgte der Stationsschwester raus zum Gang, konnte aber deutlich hören, wie Julia fragte:

    „Du Mama, der stinkt aber. Meinst du der riecht auch besser, wenn er das Ding in die Nase tut“?

Am liebsten wäre ich sofort im Boden versunken. An diesem Tage beschloss ich, nie wieder einen Arztbesuch nach dem Sportunterricht zu absolvieren.