fehrhoert
Geschrieben von Sebastian Fehr

Je kleiner, desto besser!?!

 CI’s und Hörsysteme haben sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Zwischen banalen Hörhilfen wie „Hörrohre“ über Tisch- und Taschenhörsysteme bis hin zu den heutigen Geräten, welche in der Regel im oder hinter dem Ohr getragen werden, liegen nicht einmal 100 Jahre. Schwerhörigkeit hat die Menschheit schon immer beschäftigt. Durch die Industrialisierung und die damit verbundene erhöhte Lärmbelastung treten heute Hörschädigungen im Verhältnis wesentlich häufiger auf, als noch beispielsweise in der frühen Neuzeit. Deswegen ist der Hörsystemmarkt im Gesundheitswesen ein sehr gut frequentierter und relativ umsatzstarker Zweig in der medizintechnischen Versorgung geworden.

 

Wenn man sich die Entwicklungen der Hörsysteme in den letzten Jahren so ansieht, ist vor allem eines auffällig: Die Hörcomputer werden immer kleiner und kleiner. Doch ist diese Entwicklung gut?

Die „technischen Fortschritte“ bezüglich Größe der Hörhilfen erinnert mich irgendwie an meine Situation vor ca. 17 Jahren: Als ich um die Jahrtausendwende mein erstes, damals noch analoges Hörgerät bekam, war dieses schon eher von der kleineren Sorte. Vor allem auch deswegen, weil es mir damals als „Pre-Teen“ wichtig war, dass meine Hörhilfe nicht auffällt, weil ich Angst vor Hänseleien hatte. Leider blieb ich aber vom Mobbing der Mitschüler nicht verschont. Als einziger Hörhilfeträger der Schule war ich halt anders und „schwierig“. In Gruppenübungen war ich zu laut und galt daher auch als nicht teamfähig. Für Klassenspiele wie „Stille Post“ war ich auch nicht geeignet. Ich brauchte stets Extrawürste betreffend Diktate und war deshalb auch unter den Lehrern nicht sonderlich beliebt. Meinen Mitschülern stieß mein ständiges Stören im Unterricht auf Grund meiner Hörschwäche natürlich auch auf wenig Gegenliebe. Verständnis konnte man von den Jugendlichen damals nicht verlangen, weil es nicht mal von den Lehrern vorgelebt wurde. Deswegen will und kann ich heute niemanden einen Vorwurf machen. Dumm gelaufen, nennt man sowas.

 

Um auf die Größe der Hörsysteme zurück zu kommen: Damals war es mir wichtig, meine Behinderung zu verbergen, quasi zu vertuschen. Wie erwähnt aus Angst vor Mobbing, Ausgrenzung und vielleicht sogar Diskriminierung. Offensichtlich scheinen viele Personen meine Ängste von damals heute noch zu teilen. Anders kann ich mir nämlich nicht erklären, dass die Entwicklung von noch kleineren Hörsystemen immer weiter fortschreitet und dass sich diese winzig kleinen Hörcomputer dann auch noch super verkaufen.  Vor allem sieht man junge Menschen damit herumlaufen, aber auch ältere Leute sind damit versorgt – denn mir als jahrelanger Hörsystemanwender entgeht auf der Straße natürlich keine Hörhilfe, mag sie auch noch so klein sein.

 

Das Ziel der Hörgerätefirmen scheint zu sein: Klein ist gut, noch kleiner ist besser und winzig wäre erstrebenswert. Aber warum? Warum haben diese Produkte solchen Erfolg?

 

Wo sind die Pluspunkte für Rentner, wenn sie den Akku oder die Batterie des Hörsystems kaum ohne fremde Hilfe austauschen können, weil das Ding so klein ist? Denn im Alter ist neben dem Hörvermögen auch oft Haptik und Sehvermögen eingeschränkt. Wem hilft es, wenn man das Hörsystem ewig suchen muss, wenn es mal auf den Boden fällt? Wo ist der Nutzen, wenn man ständig Angst haben muss, das winzig kleine Ding zu zertreten oder einzusaugen, wenn man mal das Zimmer der hörgeschädigten Kinder aufräumt? Wer profitiert davon, wenn die Hörcomputer so klein werden, dass sie nachweislich öfter verloren oder verlegt werden und deswegen dann neu angekauft werden müssen? Warum wollen wir mit aller Gewalt etwas gut funktionierendes kleiner machen, als es eigentlich sein muss? Warum verstecken wir uns?

 

Weil eines darf man auch nicht vergessen: Für viele nützliche Funktionen ist in den ganz kleinen Hörhilfen kein Platz mehr. Sei es simple Steuerknöpfe am Hörsystem selbst, oder Funktionen wie Bluetooth oder, Geräuschunterdrücker, Windblock, und so weiter. Auf einige dieser Ausstattungsmöglichkeiten und noch viel mehr wird auf Grund des Platzmangels verzichtet. Deswegen machen es sich die Anwender oft schwerer und komplizierter wie es sein müsste, nur um ein möglichst kleines Hörgerät zu tragen.

 

Diese Entwicklung bestürzt mich irgendwie. Ich dachte nämlich, wir wären in der heutigen Gesellschaft schon weiter. Ich dachte, ein Hörsystem bedeutet die „Optimierung der eigenen Möglichkeiten“ und nicht mehr der Ausgleich irgendeiner Schwäche, welche man verstecken muss. Ich dachte, die Betroffenen sind gefestigter wie ich zur Jahrtausendwende und wesentlich selbstbewusster. Ich dachte, die Gesellschaft ist toleranter und aufgeklärter geworden. Kaum zu fassen, dass die selben Kaufargumente, welche für mich als 10-Jähriger wie oben beschrieben auschlaggebend waren, heute offensichtlich aktueller denn je sind.

 

Das zeigt mir irgendwie, dass die Sensibilisierung der Gesellschaft und Öffentlichkeit noch kaum oder unzureichend stattgefunden hat. Toleranz, Akzeptanz und Rücksichtnahme gegenüber hörgeschädigte Menschen ist wohl doch noch nicht so weit verbreitet, wie allgemein suggeriert wird. Warum sonst suchen die Hörsystemhersteller nach neuen und weiteren Möglichkeiten, Hörhilfen bestmöglich zu verstecken? Liegt es bloß an der Eitelkeit der Anwender, oder sind Diskriminierung im Alltag für hörgeschädigte Menschen doch noch die bittere Realität?

 

Wie man sieht, ist in dieser Hinsicht offensichtlich noch viel zu tun. Der Mut und die Entschlossenheit, zu seiner Hörminderung zu stehen, fehlt aus genannten Gründen wohl noch vielen Betroffenen. Ich hoffe, ich kann mit dem Blog #fehrhoert zu einer positiven Entwicklung in dieser Hinsicht entgegenwirken, denn schon Sigmund Freud wusste:

 

Den Wahn erkennt natürlich niemals, wer ihn selbst noch teilt.