fehrhoert
Geschrieben von Sebastian Fehr

"Einmal bunt für mich, bitte!"

Beige. Schwarz. Weiß. Silber. Grau. Braun. Das sind die gängigsten Farben, welche bei Hörgeräten oder CI-Sprachprozessoren angeboten werden und auch am häufigsten verkauft werden. Der Gedanke dahinter ist klar: Man will das Gerät bestmöglich verstecken, frei nach dem Motto „bloß nicht auffallen!“. Dafür gibt es vielfältige Gründe: In der Berufswelt hat man vielleicht Angst, den Wunschjob nicht zu bekommen und nicht akzeptiert zu werden. Vielleicht hat man auch Angst, den „Normalitätsfaktor“ in seinem sozialen Umfeld zu verlieren, wenn man offen mit seiner Behinderung umgeht. Deshalb und aus allen möglichen und unmöglichen weiteren Gründen will man seine Schwachstelle nicht offen zeigen. Niemand würde es zugeben, aber vielleicht schämt man sich auch ein bisschen dafür, schwerhörig und damit anders zu sein?



Auch ich gehörte zu den Schwerhörigen, die bloß nicht auffallen wollten. Primäres Ziel von mir war es stets, ein möglichst kleines und unauffälliges Gerät zu tragen. Erst an zweiter Stelle kamen für mich Funktionalität, Hörkomfort und Nutzen. Kein Wunder: In meiner Schulzeit waren Kinder und Jugendliche noch grausam zueinander. Brillenträger wurden gehänselt, ebenso wie die Schülerinnen und Schüler, die irgendwie aus der Reihe tanzten und nicht der Norm entsprachen. So wurde mir und vielen anderen wohl auch von klein auf eingeimpft, bloß nicht aufzufallen. Bloß keine Schwäche zeigen, sonst wird man einfach aufgefressen.

Ich muss wohl hinzufügen, dass ich im weniger aufgeschlossenen Tirol aufgewachsen bin, noch dazu in einer ländlichen Gegend. Dort war es vor 15 Jahren um Toleranz und Akzeptanz noch sehr schlecht bestellt. Auch heute kann man hier noch allerlei konservative und vorurteilbehaftete Dinge erleben, welche wohl anderorts überwiegend Kopfschütteln verursachen würden.

Die Entwicklung der Hörgeräte und CI-Sprachprozessoren geht immer weiter in die Richtung: „Je kleiner und diskreter, desto besser!“. Vor 1-2 Jahren hätte ich dieser These noch uneingeschränkt zugestimmt. Heute sehe ich das allerdings ganz anders:

Ich habe nämlich gelernt zu akzeptieren, dass ich anders bin. Doch anders ist für mich nicht mehr „falsch“ – wie es mir in meine Schulzeit eingetrichtert wurde - sondern viel mehr eine Variante von „Richtig“. Deswegen darf ruhig jeder sehen, dass ich eine Hörhilfe trage.

Mich selbst so zu mögen, wie ich bin, gelingt mir zwar noch nicht täglich, doch immer öfter. Ich mache mir nicht mehr wie früher ständig Gedanken darüber, was andere Menschen über mich denken könnten. Ich denke heute überwiegend darüber nach, was mir gut tut. Dadurch steigt mein Selbstvertrauen und -bewusstsein enorm.

Um zurück zum Farbenthema zu kommen: Als ich unmittelbar vor meiner CI-OP gefragt wurde, welche Farbe ich mir für den Sprachprozessor wünsche, wurde mir von den Audiologen empfohlen, eine Farbe zu nehmen, welche am besten zu meinen Haaren passt. Ich bin blond, deswegen habe ich damals „Beige“ ausgewählt. Heute würde ich auf die gleiche Frage wohl antworten: „Einmal bunt für mich, bitte!“

Denn ich habe riesen Lust aufs Leben und noch längst nicht alles gesehen, erlebt, geschrieben und vor allem gehört. Zum Versteckenspielen habe ich keine Zeit mehr und ich lasse euch gern über den Blog #fehrhoert ein wenig an meinem Leben teilhaben. Denn anders sein kann auch sehr schön sein und das soll ruhig jeder wissen.