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Geschrieben von Sebastian Fehr

„Hörst du jetzt eigentlich besser als vorher?“

Meine Reimplantation liegt jetzt etwa ein Monat zurück und die Frage die ich bisher am häufigsten gestellt bekomme lautet: „Hörst du jetzt eigentlich besser als vorher?“. Dieses Erkundigen nach einer etwaigen Hörverbesserung ist zwar nett gemeint, aber eigentlich ziemlich sinnlos. Denn wer käme bei einem Fußballer 30 Tage nach einer Kreuzbandoperation auf die Idee zu fragen, ob das Knie jetzt besser funktioniert als vorher?

 

 Denn wie auch bei einer Sportverletzung fehlt noch ein wesentlicher Teil um die „Funktionalität“ nach der OP bewerten zu können: Die Rehabilitation. Denn mit der OP ist es sowohl beim Fußballer mit Kreuzbandriss als auch bei mir als CI-Versorgten nicht getan, im Gegenteil: Jetzt beginnt die Arbeit erst richtig! Während der Sportler langsam lernen muss, sein Knie wieder richtig zu belasten und eine Physiotherapie, Bewegungstraining sowie Lymphdrainagen, Massagen und weitere Behandlungen durchläuft, sollte ich als frisch CI-Versorgter neben regelmäßiger Einstellungs- und Anpassungstermine bei der Klinik (oder beim Hörakustiker mit entsprechender Ausbildung) auch ausreichend Hörtrainings, Sprachübungen und dergleichen absolvieren, am besten in Form einer ambulanten und stationären Rehabilitation. Erst nach Abschluss der genannten Rehabilitationsmaßnahmen kann sowohl der Sportler als auch der CI-Träger sagen, was die Operation gebracht hat.

 

Ohne ordentliche Rehabilitationsmaßnahmen und regelmäßigen Anpassung ist eine CI-OP daher meiner Meinung nach ziemlich sinnlos, denn die Gewöhnung an ein neues CI ist ein Marathon und kein Sprint und dauert – ähnlich wie die Heilung nach einer Sportverletzung –  eine gewisse Zeit. Denn der Körper muss sich nach der Abheilung (dies dauert nach jedem medizinischen Eingriff seine Zeit) erst an die neuen Umstände gewöhnen: Beim Fußballer nach einem Kreuzbandriss muss sich der Bewegungsapparat an den Kreuzbandersatz anpassen, beim CI muss sich mein Gehirn an den neuen Signaleingang einstellen. Und dies kann in beiden Fällen nur mit ausreichend Training gelingen, um das bestmögliche Ergebnis für die eigene Lebensqualität nach der jeweiligen OP für sich herauszuholen.

 

Ich möchte auch die psychologische Komponente der im Titel genannte Frage noch kurz beleuchten: Wie auch der Fußballer so schnell wie möglich nach einer Kreuzbandverletzung auf den Platz zurückkehren möchte, will auch ich so schnell und so gut wie möglich nach der CI-OP wieder funktionieren. Doch das ist beim Hören nicht so einfach wie beim Fußballspielen, letzteres ist nämlich kein generelles Grundbedürfnis des Menschen, ganz im Gegensatz zur Kommunikation im Alltag. Der Fußballer weiß ganz genau, dass er nach dem Kreuzbandriss frühestens in 6 Monaten wieder auf das Spielfeld zurückkehren kann und dementsprechend entspannt kann er seine Reha ohne Zeitdruck durchziehen. Nach einer CI-OP hingegen soll oder muss ich so rasch und so gut wie möglich im Alltag funktionieren. Diese Erwartung habe ich an mich selbst und stellen auch andere (Familie, Freunde, Arbeitgeber usw.) an mich. Als generell relativ ungeduldiger Mensch fällt es mir daher extrem schwer zu sehen und auch zu würdigen, was für mich alles nach nur einem Monat nach der OP schon wieder in der Alltagskommunikation möglich ist. Aber ich arbeite daran, und wie sagte schon Marie von Ebner-Eschenbach: „Wer Geduld sagt, sagt Mut, Ausdauer, Kraft!“

 

Im nächsten Blog wird es darum gehen, warum ich versuche, mein heutiges Hören nach der Reimplantation so wenig wie möglich mit meinen vorherigen Hörerlebnissen (Hören mit Naturalgehör, Hören mit Hörgerät, Hören nach Erstimplantation) zu vergleichen und warum „anders“ auch nur eine Variante von richtig ist!

Bis bald –

Euer Sebastian

 

 

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