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Geschrieben von Sebastian Fehr

Entscheidungen

Es ist 04:39. Ich sitze schlaflos in der Station 10.1 im Uniklinikum Bielefeld. Da Ich meinen Zimmerkollegen in seinem erholsamen Schlaf, um den ich ihn insgeheim beneide, nicht stören will, habe ich mich in den Aufenthaltsraum verzogen. Dort ist niemand mehr und es herrscht totenstille – vermute ich, da ich ja momentan nichts höre. Nach erfolgter CI-Reimplantation am Vortag soll heute mein neues Cochlea Implantat „grob“ eingestellt werden. In den wenigen Stunden der Stille und Ungewissheit, die ich einerseits genieße, mir aber andererseits auch große Ängste bereiten – ich will auf keinen Fall dass dieser „nicht-hörende-Zustand“ von Dauer bleibt – lasse ich die letzten Monate und Wochen Revue passieren:

 

Vor allem denke ich über die Entscheidungen nach, die ich in diesem Zeitraum getroffen habe. Ich Frage mich einerseits, ob ich „alles richtig“ gemacht habe und andererseits wie ein Alternativweg hätte aussehen können.

Ich überlege mir auch immer wieder, warum ausgerechnet ich diese paradoxe Situation zum zweiten Mal durchleben muss und wie viele solche Situationen wohl noch auf mich zukommen werden. Denn schon bei der Erstimplantation glaubte ich, mit dem Leben einen Packt geschlossen zu haben: „Ok, life, challenge accepted – but stop screwing me now“ hieß es im August 2016 auf meinem Facebook-Profil, als ich mich zu diesem Zeitpunkt für die erste CI-OP entschieden hatte. Aber das Leben hat offensichtlich Spaß daran, mir immer und immer wieder neue & größere Steine vor die Füße zu werfen – vielleicht bis ich irgendwann Falle?

 

Aber es sind nicht nur die Entscheidungen hinsichtlich CI, welche mich beschäftigen. Auch in meinem Privatleben durfte ich in den letzten Wochen und Monaten unheimlich tolle Menschen, auch Frauen, kennenlernen. Menschen, die ich von mir weggestoßen habe und nicht an mich ran ließ, weil ich zu viel mit mir und meinen Problemen beschäftigt war und bin. Stattdessen füllt mein Telefonbuch platonische Kontakte, die nicht zu ernst sind aber wo ich mir sicher bin, dass es nicht „kompliziert“ ist und wird. Bei welchen ich weiß, dass ich nicht verletzt werden kann. Zu allem weitern trägt der Coronavirus bei: Meinen „besten Freund“ in Osttirol konnte ich beispielsweise schon seit Monaten nicht mehr besuchen – die Zeit mit ihm und bei seiner Familie ist für mich immer wie eine Auszeit aus der verrückten Situation in der ich mich zu befinden scheine. Aber auch von anderen tollen Menschen ist man in dieser Zeit quasi abgeschirmt.

 

Ich denke auch über die Musik nach. Über den beschwerlichen Weg zurück, über die zwei CD-Aufnahmen, die ich mit & Dank Musikkolleg*Innen geschafft habe bis hin zum derzeit unbefriedigenden Zustand meiner Übe-Motivation. Über die vielen Pläne, die es gab und welche COVID-19 durchkreuzt hat. Darüber, ob es überhaupt noch Sinn hat, in meiner Situation zu musizieren. Doch dann fällt mir wieder ein, dass mein Kopf voller Musik ist und das würde er auch sein, wenn ich nicht mehr hören könnte. Und die vielen unvergesslichen Stunden, die ich Dank der Musik erleben durfte und darf – das kann und werde ich nicht wegwerfen, vor allem wenn ich sehe, wie mein Vater unter seinem Handicap leidet.

 

Auf meinem linken Oberarm ziert schon seit Jahren ein Spruch aus den „Harry Potter“ Romanen als Tattoo: „It’s our choices that show what we truly are, far more than our abilities”. Es ist ein Satz, der mich schon vor Jahren sehr fasziniert und selbst heute noch nichts von seiner Aussagekraft verloren hat. Unsere Entscheidungen im Leben machen uns zu dem, was wir sind und sein wollen. Das Problem ist: In diesem Moment, um 05:25 in der Station 10.1 im Uniklinikum Bielefeld im Aufenthaltsraum, diese Zeilen zu Ende tippend, weiß ich gerade selbst nicht so genau wer ich bin und sein will. Was ich jedoch weiß: Ich bin gerade nur ein gehörloser Typ, der seine Gedanken in seinen Laptop tippt und diese Vorstellung gefällt mir.

 

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