fehrhoert
Geschrieben von Sebastian Fehr

Verkehrskontrolle zu COVID-19 Zeiten

Vor kurzem hatte ich eine schräge Begegnung mit der österreichischen Polizei, wie sie wahrscheinlich nur ich als CI-Träger erleben kann. Und das ging so:

Ich war Mitte Juni um ca. Mitternacht auf dem Heimweg von einer Freundin, mit meinem Laptop und einem schweren Ordner, denn ich hatte ihr bei ihrer Bachelor-Arbeit geholfen. Es war ziemlich dunkel, der Weg war nicht beleuchtet und da tu ich mich halt - wie viele andere Mneschen mit Hörschädigung - beim Gehen schwer, zu allem Überfluss war auch schon der Akku meines CI’s fast leer, daher wollte ich schnell nach Hause. Jedenfalls gehe ich zum Auto, verstaue den Laptop und den Ordner im Kofferraum und setze mich vors Lenkrad. Ich starte den Motor, lege den Sicherheitsgurt an und stelle die Musik ein. Just als ich losfahren will, leuchtet hinter mir plötzlich das Blaulicht eines Einsatzfahrzeuges auf.

Ich denke mir zunächst nichts: Die werden schon an mir vorbeifahren. Doch dann war ich ziemlich perplex, als das Polizeiauto vor mir in der Kurzparkzone anhielt und zwei Beamtinnen ausstiegen, inklusive Mund-Nasen-Schutz (ohne Sichtfenster natürlich), wohlgemerkt im Freien (was ich davon halte, hab ich meinem letzten Blog geschrieben). Eine der beiden Polizistinnen kam mit Taschenlampe zu meiner Tür und gab mir zu verstehen, ich soll das Fenster aufmachen, während die andere mein Auto inspizierte. Ich tat wie gehießen, öffnete das Fenster und stellte die Musik und den Motor ab. Daraufhin sagte die Beamtin etwas, aber ich konnte sie nicht verstehen, wahrscheinlich auch wegen dem Mundschutz. Ich musste mehrmals Nachfragen, bis ich verstand, was sie von mir wollte: Nämlich meinen Führerschein und die Zulassung. Ich hatte die beiden Dokumente nicht griffbereit und musste im Handschuhfach danach kramen. Während der ganzen Aktion warfen sich die Beamtinnen vielsagende Blicke zu und ich fühlte mich wie ein Schwerverbrecher.

 

Nachdem ich beide Dokumente ausgehändigt hatte, sagte die Polizistin wieder etwas und ich hatte wieder keine Chance, es zu verstehen. Da wurde es mir zu bunt und ich sagte: „Sie müssen bitte die Maske abnehmen, ich kann sie sonst nicht verstehen, ich bin nämlich Cochlea-Implantat-Träger – also quasi gehörlos!“. Wieder tauschten die beiden Beamt*Innen argwöhnische Blicke aus, aber zumindest wurde meinem Wunsch entsprochen. Sie zog die Maske herunter und fragte mich wo ich gerade herkomme, während sie meine Dokumente in einem Smartphone-ähnlichem-Gerät checkte. Wahrheitsgetreu antwortete ich, dass ich bei einer Freundin war und ihr bei ihrer Bachelorarbeit geholfen habe. Die andere Polizistin hatte inzwischen die Fahrzeuginspektion abgeschlossen und flüsterte der Kollegin was ins Ohr, die mich daraufhin fragte: „Haben Sie einen Nachweis für ihre Gehörlosigkeit – Sie haben vorhin Musik gehört und was transportieren Sie da auf dem Rücksitz – sind das Musikinstrumente?“ Ohne meine Antwort abzuwarten fuhr sie fort: „wir haben Sie beobachtet, wie sie in Schlangenlinien zu Ihrem Fahrzeug gegangen sind – haben Sie getrunken?“

 

Oh mein Gott, dachte ich. Das kann ja noch heiter werden. Ich setzte zur Antwort an: „Nein, ich habe natürlich nichts getrunken und das Ding was Sie an meinem Kopf sehen“, ich deutet mit meinen Händen vielsagend darauf, „das ist ein Cochlea Implantat! Ich hab auch einen Behindertenausweis dabei….“ Ich wollte gerade zu meiner Geldtasche greifen, als die Beamtin befahl: „Halt – was machen Sie. Ich möchte ihre Hände sehen!“ - „Aber Sie wollten doch einen Nachweis für meine Gehörlosigkeit haben und in meiner Geldtasche hab ich einen Ausweis…“. - „Das ist nicht notwendig – steigen Sie langsam aus dem Fahrzeug aus!“

 

Super, die glauben mir kein Wort, dachte ich mir. Als ich den Sicherheitsgurt abzog und die Tür öffnete, sah ich aus den Augenwinkeln, wie beide Polizistinnen die Hände auf ihre Waffe legten. Ich kam mir echt vor wie in einer schlechten Folge von CSY:NY. Als ich ausgestiegen war, sagte die Beamtin: „Wir müssen eine Alkoholkontrolle durchführen. Wir haben aber kein Gerät dabei. Wir rufen jetzt einen Kollegen an, der uns das vorbeibringt, das wird ca. 20 Minuten dauern. Sie warten hier!“ Ich war hundemüde und angesichts der Tatsache, dass der Akku meines CI’s bald ausgehen würde und ich keinen Ersatz-Akku hatte erwiderte ich: „Ist das wirklich notwendig? Ich habe echt nichts getrunken und der Akku von meinem Cochlea Implantat wird bald ausgehen…!“ Da meinte Sie nur: „Wir können Sie auch gleich mit zum Polizeiposten mitnehmen!“ Ok. Dann warten wir halt auf das Alkohol-Messgerät.

 

Während sie ein Telefon hervorzog und das Alkohol-Kontrollgerät zum Schauplatz bestellte, beobachtete mich die andere Polizistin aus 2-3 Metern Entfernung, stets mit der Hand am Holster in der Erwartung, dass ich plötzlich durchdrehe und in GTA Manier alles niedermetzle. So standen wir da und schwiegen uns an, während die andere Beamte telefonierte. Als das Telefongespräch beendet war, kam meinen „Verhörerin“ wieder auf mich zu und sagte: „Sie haben was von einem Behindertenausweis gesagt, können Sie mir den zeigen?“ Etwas genervt antwortete ich: „Sehr gerne, das wollte ich ja vorhin schon –  ich werde hoffentlich nicht über den Haufen geschossen, wenn ich jetzt zu meiner Brieftasche greife?“ - „Werden Sie nicht frech, Herr Fehr!“

 

Ich übergab ihr meinen zugegeben schon etwas ramponierten Behindertenausweis, den die Dame kritisch beäugte. Sie stellte mir noch einige Fragen zu meinem CI, den Musikinstrumenten auf der Rückbank und meiner Hörsituation, die ich geduldig beantwortete – am liebsten hätte ich auf meinen Blog verwiesen. Noch nicht sehr überzeugt von meiner Geschichte fragte Sie: „Können Sie der blauen Kurzparklinie für mich entlanggehen“? Da Riss bei mir endgültig der Geduldsfaden: „Haben Sie mir eigentlich zugehört? Ich hab eine Hörstörung und deswegen tue ich mich beim Gehen schwer, wenn es dunkel ist – aber wenn Sie darauf bestehen, gerne!“ Die Beamtin bestand darauf und so ging ich der Linie entlang, was mir überraschenderweise – im Anbetracht der Umstände – eh ziemlich gut gelang.

 

„Es geht ja doch ganz gut mit dem Gehen, Herr Fehr....“ bemerkte die Polizistin vielsagend. Daraufhin fiel mir nichts mehr ein, wohl auch weil es ohnehin zwecklos war. Es vergingen weitere 5-6 Minuten, darauf fragte ich: „Dann warten wir jetzt noch ca. eine Viertelstunde, bis der Kollege mit dem Gerät kommt, damit Sie feststellen können, dass ich nichts getrunken habe, oder?“ - „Genau, Herr Fehr! …..“ und dann ging der Akku aus. Ich wartete bis die Beamtin ihren Satz beendete und sagte: „Jetzt ist mein Akku ausgegangen, ich kann Sie nicht mehr hören!“ Ich konnte von Ihren Lippen etwas ablesen, was nach „Kein Problem!“ aussah. Und so warteten wir weiter auf das Messgerät. Die Polzistinnen unterhielten sich nun rege, aber ich konnte sie natürlich nicht verstehen. Ich starrte vor mich hin und wartete auf den vielbesagten Kollegen.

 

Der dann wirklich auch kam, nur waren dann nicht 20 Minuten vergangen, sondern mehr als eine halbe Stunde. Die Beamtin zeigte mir dann vor, wie ich in das Atemmessgerät reinzublasen habe und ich machte es ihr nach. Das Gerät zeigte ihr wohl – wie ich vorausgesagt hatte – 0,0 an, jedenfalls deutete sie mir „Daumen-hoch“, von ihren Lippen konnte ich „Gute Fahrt“ ablesen. Ich widerstand der Versuchung, ihren Abschiedsgruß mit dem längsten Finger an meiner Hand zu quittieren, stieg wortlos ins Auto ein und fuhr nach Hause.

 

Rückblickend betrachtet haben die Polizistinnen ja auch nur ihren Job gemacht, jedoch war die Situation dermaßen geladen sowie paradox, dass ich mich zum Schluss zur späten Stunde nicht mehr zum Austausch von freundlichen Abschiedsformeln aufraffen konnte.