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Geschrieben von Sebastian Fehr

Sag niemals nie!

Eigentlich wollte ich nie mehr in meinem Leben bei einem symphonischen Blasorchesterwettbewerb (Wertungsspiel) teilnehmen. Warum? Weil ich vor 3 Jahren bei einem solchen Wettbewerb in Riva (Italien) meinen letzten Gehörsturz aktiv auf der Bühne erlebt habe. Dieser Hörsturz hatte dann auch meine Cochlea Implantation zur Folge. Ich dachte auch, dass es nie mehr möglich sein wird für mich, bei einem Leistungswertungsspiel mitzuspielen, denn immerhin bin ich ja seit 3 Jahren medizinisch gesehen „gehörlos“. Aber wie heißt es so schön: Man soll niemals nie sagen. Wenn ich in meinem Leben bisher eines gelernt habe und wenn mein Blog eine Kernmessage enthalt, dann bestimmt: Unmögliches ist und bleibt vor allem immer dann unmöglich, wenn man es gar nicht erst versucht.

Letzten Samstag fand in Thaur das Wertungsspiel des Musikbezirkes Hall statt und ......

.....meiner Hörhistorie zum Trotz nahm ich daran teil. Zwar sträubte sich mein Körper mit aller Gewalt gegen eine Teilnahme, denn ich war in den Tagen zuvor gesundheitlich angeschlagen. Außerdem bot ich Kapellmeister Otto Hornek zunächst an, gar nicht erst mitzuspielen, weil ein gehörloser Mensch meiner Meinung nach bei einem Wertungsspiel unter Normalhörenden nichts verloren hätte. Aber Otto wollte meinen Rückzug nicht akzeptieren und als wir dann personell doch einige Registerkollegen im hohen Blech vorgeben mussten, war es quasi entschieden, dass ich mitspielen „musste“. Also zog ich es dann halt doch durch. Vor allem aber zogen „wir“ es durch und mit „wir“ meine ich natürlich die Speckbacher Stadtmusikapelle Hall. Wir schafften nämlich in der Stufe D die Höchstbewertung, nämlich eine Goldmedaille mit Auszeichnung. Mitten darunter ich, ein Cochlea Implantat-Benützer unter all den normalhörenden Musikantinnen und Musikanten. Ob sich die international renommierten Juroren aus Italien, Liechtenstein und der Schweiz im Traum vorstellen können, dass letzten Samstag in einem symphonischen Blasorchester mit Höchstbewertung in Stufe D ein gehörloser Mensch die 1. Cornetstimme bearbeitete? Wenn nein: Es war am Samstag jedenfalls Realität.

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Einmal mehr bin ich auch überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit bei der Speckbacher Stadtmusik mit meinem „Handicap“ umgegangen wird. Die Vorstellung, dass ein gehörloser Mensch bei der eigenen, ambitionierten Musikkapelle mitspielt, wäre wohl für viele fortgeschrittene Musikantinnen und Musikanten wahrscheinlich nur schwer tolerierbar. So habe ich bei den "Speckis" das Gefühl, dass ich auf Grund meines musikalischen Könnens geschätzt werde und das man froh ist, dass ich dabei bin, auch wenn mir bewusst ist, dass ich es nie allen recht machen kann und werde. Es gibt genügend Beispiele, die zeigen, dass der Verein mich als ordentliches Mitglied sieht und nicht als „Hemmschuh“ (dieses negative Gefühl gab man mir nämlich immer weider bei meinen früheren Stationen). Egal ob beim Instrumenterwerb oder bei Spielerein mit kleineren Partien: Ich werde unterstützt und man traut mir was zu. Das ist auf Grund meiner Hörgeschichte und meinen früheren Erfahrungen mit Musikkapellen alles andere als selbstverständlich, auch wenn es schon früher Personen gab, die mehr sahen, als das Hördefizit.

Bis vor wenigen Jahren wusste ich eigentlich nicht, wie es sich eigentlich anfühlt, wenn einem in einer Musikgruppe was zugetraut wird. Das ist ein sehr angenehmes Gefühl und lässt einen freier musizieren. Natürlich werde ich musikalisch nie alle von mir überzeugen können, vor allem weil ich selbst am meisten damit zu kämpfen habe, von mir überzeugt zu sein. Denn mein Handicap ist natürlich ein herausfordernder Unsicherheitsfaktor für mich. Umso schöner ist es dann, wenn man Vertrauen und Zuspruch von Dritten erfährt, wie zum Beispiel von der derzeitigen musikalischen Leitung der Speckbacher Stadtmusik. Das ist aufbauend und sehr motivierend, denn heute bin ich trotz damaliger großer Skepsis sehr froh, wieder Mitglied bei einer Musikkapelle zu sein.

 

Das hilft mir sicher auch, die nächste Challenge zu meistern, die kommen werden: Nämlich meine Reimplantation, die 2020 ansteht. Jedenfalls schließe ich inzwischen aus, dass ich nach dieser OP nicht mehr bei den Speckbachern ausrücken kann, denn ich bin den Weg zurück in die Musik schon einmal gegangen und werde ihn auch ein zweite Mal bewältigen.

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