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Geschrieben von Sebastian Fehr

Mein Cochlea Implantat, die Frauen und ich – Teil 1: Kennenlernen (Pre-Date)

Lange habe ich überlegt, ob ich über Dating, Beziehung & Co einen Blog aus der Sicht eines Hörgeschädigten bzw. CI-Trägers schreiben soll. Denn immer wieder wurde ich bei Selbsthilfegruppen-Treffen oder per Mail auf die Themen Date-Anbahnung uvm. angesprochen. Auch wollen Normalhörende manchmal wissen: Wie ist es eigentlich, wenn man gehörlos Sex hat? Wir sind im 21. Jahrhundert und da sollte es möglich sein, solche Themen zu besprechen. Deswegen möchte ich einige Erfahrungen in den nächsten 4 Blogs schildern.

Zunächst einmal möchte ich mich dem Thema „erstes Kennenlernen“ widmen, genauer gesagt der „Date-Anbahnung“:

Die Welt hat sich in den letzten 10-15 Jahren sehr verändert und ich würde sagen: Für hörgeschädigte Menschen aus meiner Sicht bestimmt zum Positiven. Früher hat man sich ja nur auf Partys, Bällen oder sonstigen Zusammenkünften irgendwo kennengelernt, meist einhergehend mit relativ viel Störgeräuschen. Hörbeeinträchtigte Menschen fühlen sich in solchen Umgebungen naturgemäß immer etwas verunsichert, egal wie gut die Hörhilfe funktioniert – manche mehr, manche weniger. Und alles was verunsichert, hemmt Betroffene schlagfertig, locker und humorvoll zu sein, wie es alle beim Kennenlernen gerne wären.

Heute erfolgt die erste Kommunikation oft schriftlich: Was dank diverser „Apps“ wie Snapchat, Insta, WhatsApp, Tinder, Facebook und Co mittlerweile selbstverständlich ist, stand damals mit deren Vorläufern wie E-Mails, SMS, MSN Messenger und Co noch in den Kinderschuhen (Memo an mich selbst: Verdammt, bin ich alt). Der Vorteil für hörgeschädigte Menschen liegt jedoch auf der Hand: Durch die schriftliche Kommunikation begegnen sich beide Gesprächspartner von Beginn weg auf Augenhöhe – zumindest hat keiner von beiden am Anfang ein etwaiges Defizit auszugleichen.

Da sich heute vieles „Online“ abspielt, ist es mittlerweile meiner Meinung nach auch wesentlich leichter – nicht zuletzt durch die vielen Dating-Apps & Social Media Angebote – ein Date zu „finden“. Man schreibt sich auf den diversen Portalen und wenn man sich versteht, kann man ein Treffen vereinbaren und das, ohne sich der Gefahr aussetzen zu müssen, sich zu „fehrhören“.

Was jedoch auf den ersten Blick nur Vorteile bietet, hat natürlich auch seine Schattenseiten: Social Media kann keinesfalls ein Date ersetzen, egal wie gut man sich schriftlich versteht. Irgendwann muss man sich aus der Komfortzone rausbewegen, denn wenn man das zu spät oder gar nicht macht, wird das Interesse bei der Gesprächspartnerin/dem Gesprächspartner verflachen.

Der zweite große Nachteil ist, dass man sich beim „texten“ nicht sieht. Sprich es ist schwieriger, zu deuten, wie man bei ihr oder ihm ankommt, denn Mimik und Gestik sagen noch immer weitaus mehr über Menschen aus, als das geschriebene Wort.

Last but not least leben wir in einer brutal schnelllebigen Zeit: Wer heute interessant wirkt, kann morgen schon abgeschrieben sein. Nachrichten werden heute so nebenher geschrieben, ohne dass sich der Absender je ganz auf das Verfassen der Nachricht konzentriert. Dementsprechend oberflächlich ist der Kontakt via Social Media und Co..

Deswegen befürworte ich Pre-Dating auf Facebook, WhatsApp, Tinder und Co, nutze es auch selbst und kann es eigentlich nur jeder/jedem Betroffenen empfehlen, egal was er/sie sucht. Warum sollte ein hörgeschädigter Mensch auf der Partnersuche nicht jenes Medium nutzen, bei welchem nicht gleich mit offenen Karten gespielt werden muss? Jedoch ist ein echtes Treffen damit nicht zu ersetzen, deswegen muss man früher oder später die Komfortzone verlassen. Über das „Dating“ und das Verlassen dieser „Komfortzone“ werde ich im nächsten Blog schreiben.