fehrhoert
Geschrieben von Sebastian Fehr

Von der Euromillion über CD-Produktion zur Re-Implantation

Wisst ihr wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ich diese Woche bei den Euromillionen den Jackpot knacke? Exakt bei 0,00000000715 %. Wisst ihr wie hoch die Anzahl der Neugeborenen in deutschsprachigen Raum ist, die mit einem Hörfehler auf die Welt kommen? Etwa ein Kind bei 1000 Geburten ist betroffen (d.h. 0,1%). Wie hoch liegt der Prozentsatz, dass der implantierte Teil eines Cochlea Implantates nach 3 Jahren Defizite zeigt? Je nach Hersteller zwischen 1% und 3% (also ca. 1 Promille x 2 Prozent = 0,00002 %) wobei es diesbezüglich leider keine verifizierten Daten gibt.

 

Wenn ich jetzt noch die Wahrscheinlichkeit der mehrmaligen Hörstürze einberechnen würde, wäre ich wohl schon Euromillionär, aber vielleicht nicht gerade im positivsten Sinne: Nicht nur, dass ich auf einem Ohr taub geboren bin, nein: Auf den guten, rechten Ohr sind auch noch mehrere Hörstürze dazugekommen, sodass ich 2016 dazu gezwungen war, mir eine Hörprothese (CI) implantieren lassen. Mein treffender Facebook-Kommentar damals:



challenge

Und wie ich die „Challenge accepted“ habe: Nicht nur beim Hören erzielte ich außergewöhnliche Werte, sondern auch das Musizieren ist mittlerweile wieder auf einem sehr akzeptablen Level, wie ich auf diesem Blog ausführlich dokumentiert habe. Vor allem kam 2019 ein weiterer Meilenstein hinzu: Ich wirkte bei einer CD-Produktion mit. Ja, ihr habt richtig gelesen, ich hab mit meiner Band die „AusHALLtigen“ im Juni einen professionellen Tonträger eingespielt und das Ergebnis wird im Herbst zu hören sein. Laut meiner Recherche bin ich der erste CI-Träger weltweit, der einen Instrumental-Tonträger mit einer Instrumentalgruppe einspielen konnte. Das heißt ich könnte eigentlich nicht glücklicher sein.

 

Eigentlich. Denn zuletzt bin ich in den letzten Wochen und Monaten draufgekommen, dass mein Sprachverstehen minimal schwächer geworden ist. Dieser Hörverlust ist quasi nur bei Stör-Lärm messbar, was aber logisch ist, denn: Hören bei Stör-Lärm ist die Königsdisziplin für hörgeschädigte Menschen. Nun bin ich was mein Hörvermögen anlangt ein sehr akribischer Typ und versuchte deshalb genau zu analysieren, warum ich mich plötzlich vor allem bei der Differenzierung von Konsonanten im Stör-Lärm schwertue. Und siehe da, meine schlimmsten Befürchtungen haben sich bestätigt: Ein Test des Implantates hat ergeben, dass wohl ein technisches oder aber auch medizinisches Problem vorliegt – eine mögliche Reimplantation liegt in meinem ermessen. Solche Fälle treten laut meiner Recherche wie im ersten Absatz erwähnt herstellerunabhängig immer wieder mal auf, jedoch im niedrigen einstelligen Prozentbereich.

 

Super. Toll. Leben, ich dachte ich hätte einen Deal mit dir: Ich lass mir das Implantat machen und du hörst auf, mir ständig Steine vor die Füße zu werfen. Und nun das? Fick dich doch einfach. Es ist einfach nur zum Kotzen, jetzt darf ich die ganze Prozedere nochmal von vorne über mich ergehen lassen: Ausgang nicht vorhersehbar.

 

Ich versuche nun aufzuhören, darüber nachzudenken wie unwahrscheinlich oder wahrscheinlich die medizinischen Ereignisse in meinem Leben sind, denn ich werde mich auch von diesem Rückschlag wieder erholen und noch stärker daraus hervorgehen – um anschließend wieder darauf zu warten, bis mir Gott, das Schicksal oder was auch immer einen weiteren Tritt in die Eier verpasst und selbst danach wieder aufzustehen. Ich bin vielleicht kein Lottosieger. Aber dafür ein Kämpfer, der nur sehr schwer zu besiegen ist und das ist auch verdammt viel wert, mehr vielleicht als der Euromillion-Jackpot.

 

Ps.: Danke an Alpi für die genauen Zahlen bezüglich Wahrscheinlichkeiten.