fehrhoert
Geschrieben von Sebastian Fehr

Vom Druck, funktionieren zu wollen

Ich möchte einfach alles hören: Diesen Anspruch hab ich an mir selbst. Egal ob beim in der Arbeit am Telefon, Kaffeetrinken, beim Autofahren, beim Feierabendbier mit Musik- oder Arbeitskollegen oder eben beim Musizieren: Ich will funktionieren, um unkompliziert an der akustischen Welt teilhaben zu können. Doch ich bin medizinisch gesehen taub – verlange ich nicht zu viel von mir und auch von meinem CI?

Besser wird es mit diesen hohen Anspruch an mich selbst auch nicht, wenn mich Verwandte, Arbeitskollegen oder Bekannte nach einem „wie bitte?“ überrascht fragen, ob ich denn schlechter hören würde. Da merke ich ganz klar: Auch die Erwartungen von den Menschen mir gegenüber sind durch die CI-OP gestiegen, vielleicht auch durch die vielen positiven Berichte auf meinem Blog. Und wenn ich dann plötzlich von Dritte darauf angesprochen werde, ob ich denn schlechter hören würde: Ja, dann mach ich mir natürlich zwangsläufig darüber Gedanken. Ich denke nach und erinnere mich an einige Situationen, in welchen ich nicht bzw. schwer gehört habe, in welchen ich vermehrt Nachfragen musste und nicht auf Anhieb funktioniert habe. Die Zeitabschnitte, in welchen ich aber gut gehört habe, vergesse oder verdränge ich dabei gerne.

Aus Fragen wie: „Höre ich schlechter“? „Bin ich das Problem?“ „Funktioniert das CI nicht richtig?“ die ich mir innerlich selber stelle werden schnell subjektive Tatsachen wie: „Ich höre schlechter, ich glaube es liegt an mir, denn das CI – und in dem Fall auch ich – muss eigentlich funktionieren!“. Ich mach mir Vorwürfe und diese Gedanken beschäftigen mich innerlich dermaßen, dass ich in Gefahr laufe, nur mehr das Negative zu sehen und vor allem: Ich bekomme das Gefühl, dem eigenen Anspruch und auch den Erwartungen meiner GesprächspartnerInnen nicht mehr zu genügen. Doch wie komme ich denn nun aus dieser Teufelsspirale raus?

Es ist ganz einfach: Zunächst mal werde ich – wenn mich diese Gedanken plagen – natürlich immer den Akustiker bzw. Techniker meines Vertrauens kontaktieren. Eine Überprüfung des Gerätes sowie eine Hörmessung geben schnell Auskunft über den tatsächlichen Ist-Zustand. Step 2: Ich mache mir die Situationen bewusst, in denen ich gut höre. Step 3: So hart es auch klingen mag: Ich muss meine Ansprüche herunterschrauben, denn ich darf nie vergessen: Ich bin eigentlich taub! Step 4: Ich wiederhole immer wieder, dass das Hörsystem/CI das Gehör nicht „repariert“ – so trage ich zur Bewusstseinsbildung meiner Mitmenschen bei und senke gleichzeitig auch deren Erwartungshaltung.

Ich erwarte enorm viel von mir und meinem CI, wahrscheinlich zu viel. Gleichzeitig muss ich offen zugeben, dass ich minimal schlechter höre, als unmittelbar nach meiner Reha, auch wenn meine Hörtestergebnisse eigentlich gleichgut wie damals sind. Doch es zeigt sich wieder: Hören ist nicht gleich Verstehen! Seit der stationären Rehabilitation in Bad Nauheim oder der audiopädagogischen Therapie von Ulrike Rülicke („Dazugehören“) hatte ich keine Zeit mehr, mich aktiv um mein Gehör zu kümmern und das ist jetzt 2 Jahre her. Obwohl ich weiß wie wichtig Hörübungen sind, hat mich der Alltag wieder voll im Griff und die Lust und der Wille, mich nach einem anstrengenden Tag noch mit den unterschiedlichen Klängen von diversen Silben & Co zu befassen, ist verschwindend gering.  

Was auch wieder beweist: Hörtraining und eine anständige stationäre Rehabilitation sind zwei wichtige Säulen auf dem Weg zurück zum Hören, unabhängig vom Hörsystem. Es ist auch wieder ein Beleg für das Sprichwort: „Ohne Fleiß kein Preis!“ und das ich selbst einen hohen Einfluss auf den eigenen Hörerfolg habe, was ich für sehr gut halte. Es wäre auch schlicht abnormal, wenn ohne entsprechende Trainingseinheiten meine Sprachtestergebnisse durch die Decke schießen würden – das kann und darf ich nicht erwarten.

Jedoch zeigt mir diese Tatsache auch wieder, wie wichtig ein stationäres Rehabilitationsangebot für schwerhörige Menschen in Österreich wäre (siehe Brief an LR Mag. Tilg). Dafür werde ich mich auch weiterhin mit aller Kraft einsetzen und ich hoffe gemeinsam mit vielen Betroffenen, Kliniken, Akustikern usw auf sozialpolitischer Ebene ein Umdenken erzeugen zu können – mehr Infos diesbezüglich folgen in Kürze.