fehrhoert
Geschrieben von Sebastian Fehr

Nicht verstehen und trotzdem „Ja-Sagen“ – eine schwer zu verlernende Kunst

Hörgeschädigt zu sein kann schon tierisch nerven. Nicht nur dass in unserem schnelllebigen, kapitalistischen Zeitalter der Leistungsdruck hoch ist und das Motto „Zeit ist Geld“ mehr denn je regiert, nein: Auch die Ansprüche der (hörgeschädigten) Menschen an sich selbst steigen ständig. Man hat zu funktionieren und wer das nicht schafft, wird aussortiert – so sieht in vielen Branchen die traurige Realität aus.

Oft mündet dieses „nicht-Funktionieren-Feeling“ in das Schamgefühl. Das kennen wir alle: Man verliert bei einem Vortrag den Faden oder man wird beim Lügen ertappt: Dann werden wir plötzlich rot, der Puls erhöht sich, wir beginnen zu schwitzen, zu stottern und zu stammeln. In diesen Momenten empfinden die Meisten von uns Scham – ebenso ergeht es mir mehrmals täglich als Hörgeschädigter, wenn ich beim ersten Mal das Gesagte nicht verstehe.

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Geschrieben von Sebastian Fehr

Eine kleine (Weihnachts-)Geschichte

Vor vielen Jahren gab es einmal 3 Freunde. Brian, Andi und Mark spielten miteinander, seit sie gehen konnten. Da sie alle in einem Reihenhaus am Land aufwuchsen, entstand eine enge Bindung zwischen den Buben und das obwohl Andi gehörlos und Mark CI-Träger war. Man möchte meinen, dass es unter den Dreien ständig kommunikative Probleme gab – das war allerdings nie der Fall. Problemlos spielten Sie miteinander, lachten und stritten sich genauso, wie guthörende Kinder es tun.

Doch wie funktionierte der unkomplizierte Austausch untereinander? 

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Geschrieben von Dr. Claus-Jürgen Schulz

Gelebte Inklusion im Musikverein: Claus-Jürgens Geschichte

AUFTAKT

Freitagabend - Probenabend. Ich sitze wie etwa 20 weitere Kolleginnen und Kollegen unserer Kapelle vor meinen Noten. Auf den Pulten liegt das Stück „Mit Blasmusik im Herzen“, eine ebenso einfache wie eingängige Polka von Alexander Pfluger, genau das Richtige zum Warmspielen. Ein kurzer Blick auf die Vorzeichen, Vorzeichenwechsel, Abfolge der einzelnen Teile. Unser Kapellmeister gibt das Tempo, zählt 2 Takte vor, dann erklingen die ersten Akkorde. Ich merke, wie ich Tritt fasse, mein Spiel auf dem Bariton Teil des großen Gesamtklanges wird und spüre zugleich, wie meine kurze anfängliche Anspannung weicht. Ich höre auf, mich an die einzelnen Noten zu klammern und beginne, Musik zu machen. Ich lasse mich fallen in das Wechselspiel zwischen hohem und tiefem Blech, tauche ein in die kecken Einwürfe der Klarinetten, gestalte Nuancen wie die kleinen, gerade eben hörbaren Ritardando-Stellen, die im Melodiefluss Spannungen aufbauen. Als der letzte Akkord das Stück beschließt, bin wunschlos  glücklich und zugleich fast ein wenig enttäuscht, dass das Stück schon zu Ende ist.

Musik: Sie weckt in mir Gefühle, setzt Kräfte frei und gibt meinem Leben Sinn. Ich übe und spiele, nicht weil ich müsste, sondern weil es mir ein Grundbedürfnis ist. Musik bedeutet für mich aber auch, Freundschaften mit anderen Menschen zu schließen, Umarmungen, im Musikverein mitgetragen zu werden. Hier kann ich meine Leidenschaft für Musik mit anderen Menschen, die in aller Regel normalhörend sind, teilen.

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Geschrieben von Sebastian Fehr

Gebt den Kindern die Wahl!

Die Technik ist heute so weit fortgeschritten, dass  für ein Großteil der taub geborenen Säuglinge ein Leben in der akustischen Welt möglich werden kann. Während für blind geborene Kinder Farben & Co wohl für immer ein Mysterium bleiben ist das Sprechen, Musizieren oder Radiohören für gehörlos geborene Babys keine Utopie mehr, sondern auf Grund der medizinischen Möglichkeiten realer denn je.

Da allerdings die Entscheidung für oder gegen das sogenannte Cochlea Implantat (Hörprothese)  schon sehr früh erfolgen muss, weil ab dem 4. Lebensjahr die Hörnervenbahnen verkümmern, sind die Eltern in der Pflicht, für das Kind eine Entscheidung zu treffen, welche das restliche Leben des Kindes beeinflussen wird. Besonders schwierig ist diese Entscheidung oft für gehörlose Eltern. Es sei denn, man gibt dem Kind selbst die Wahlmöglichkeit:

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Geschrieben von Sebastian Fehr

Wie halten das Guthörende aus – die ganze Zeit?

Neulich habe ich ja einen Blog über die Stille und dem „Vorteil Gehörlosigkeit“ geschrieben. Heute möchte ich meine Bewunderung gegenüber Guthörende thematisieren: Denn zwei gesunde Ohren zu besitzen, ist heute längst nicht mehr selbstverständlich: Allein in Österreich sind laut jüngsten Veröffentlichungen am Österreichischen HNO-Kongress 2017 schon 22 % der Menschen hörgeschädigt – und es werden ständig mehr. Das bedeutet, jede/r vierte ÖsterreicherIn würde von der Krankenkasse eine Hörhilfe bezahlt bekommen, da sie medizinisch gesehen notwendig wäre. Verwunderlich ist umso mehr, dass nur 12 % davon versorgt sind – und nicht mal diese Menschen tragen ihr Hörsystem regelmäßig. Aber das ist ein anderes Thema.

Nun möchte ich mal ernsthaft die Runde fragen: Liebe Guthörende, wir haltet ihr das aus? Den Alltags-, Verkehrs- oder Freizeitlärm? Diese ständige Beschallung, und das noch dazu hochauflösend: Dafür sorgen ca. 15.000 feine Härchen im Innenohr, welche durch das Mittelohr in Bewegung gesetzet werden und unermüdlich Schallwellen in elektrische Impulse umwandeln. Das muss doch ziemlich nervig sein?

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Geschrieben von Werner Pfeifer

Gib den Ohren eine Chance!

Ich befasse mich seit 20 Jahren mit den Themen Tinnitus, Hören, Schwerhörigkeit und ich bin immer wieder fasziniert, was unser Ohr leistet, wie sehr wie vom Hören abhängig sind (wenn wir hörend geboren wurden) und wie sensibel und doch widerstandsfähig unser Ohr ist.

 

Hast du dir einmal überlegt, wie flexibel unser Gehör ist? Wir können das sprichwörtliche Fallen einer Nadel hören (zumindest solange wir nicht schwerhörig sind 😊 ) aber auch ein startendes Flugzeug. Im ersten Fall sorgt ein eingebauter Verstärker dafür, dass wir die leisesten Geräusche hören und im zweiten Fall übersteht das Ohr auch etwas sehr Lautes. Du hast vielleicht schon erlebt, dass du nach sehr großem Lärm eine gewisse Zeit schlecht hörst. Das ist der Schutzmechanismus vom Ohr. Solche Ereignisse haben allerdings Folgen, wenn das immer wieder passiert. Auch wenn vermeintlich im Moment nichts passiert ist, führen solche Ereignisse langfristig zu Schwerhörigkeit. Das Ohr ist wie ein Elefant, der niemals etwas vergisst.

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Geschrieben von Sebastian Fehr

Wiederkehrende Fragen aus dem Leben eines musizierenden CI-Trägers

Seit Oktober 2016 bin ich offiziell gehörlos und nur dank dem medizintechnischen Wunder Cochlea Implantat dazu in der Lage, an der akustischen Welt teilzunehmen. Gespräche führen, TV-schauen, telefonieren aber auch Musikhören und aktives Musizieren ist für mich nur mehr mit Hilfe der genialen Technik möglich.

Vor allem beim Thema Musik sorge ich oft für Verwunderung und erstaunte Blicke, einhergehend mit Fragen wie z.B: „Wie hört sich Musik für dich an?“ „Kannst du Konzerte eigentlich noch genießen?“ „Erkennst du falsche Töne beim Trompetenspielen“?

Ich möchte deshalb mit diesem und künftigen Blogs versuchen, einige dieser wiederkehrenden Fragen so einfach als möglich zu beantworten: Da normalhörende Menschen es sich sowieso nicht vorstellen können, wie es ist, hörgeschädigt zu sein, sind besonders Musiker, aber auch Hörgeräteträger und Gehörlose sehr daran interessiert, zu verstehen, wie das Musikhören & Musikmachen bei mir „funktioniert“.

Deswegen habe ich auch gleich eine große Bitte an euch: Schreibt mir in die Kommentarfunktion oder per Mail (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! – gerne auch vertraulich!) eure Frage zum Thema „Musikhören & Musikmachen mit Hörstörung!“ und ich werde versuchen, diese entweder direkt oder bei einem meiner nächsten Blogs zu beantworten. Natürlich sind auch Erlebnisberichte & eigene Erfahrungen gerne gesehen. Ich möchte nun mit der am öftesten gestellten Frage beginnen:

„Wie hört sich Musik für dich an, Sebastian?“

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Geschrieben von Annelies Bauer

Ich bin ich.

Kennt ihr dieses Buch?

Es geht in diesem Wunderwerk, um ein Wesen, dass sich nirgends zugehörig fühlt. Ich kannte dieses Buch von Mira Lobe schon vor der Diagnose meiner Schwerhörigkeit, habe es immer und immer wieder durchgesehen und dabei wohl auch lesen gelernt. Während dieser Zeit habe ich( scheinbar) meine Umgebung so wahrgenommen, wie nichthörgeschädigte oder taub geborene Kinder. Als meine Schwerhörigkeit ihre Anfänge hatte, war ich 14 Jahre alt, umgeben von normalhörenden und einer Familie die mich von Beginn an in jeder Lebenslage unterstützte - aber niemand, wirklich niemand konnte mir das Gefühl geben, dazuzugehören.

Im Internet vor 12 Jahren, war für mich kein Ergebnis zu finden, kein Buch auf das ich gestossen bin, kein Eintrag den ich verschlingen hätte und mich dadurch besser fühlen können. Ich habe mich auch für Selbsthilfegruppen nicht begeistern können da ich mich ja noch nirgends zugehörig fühlte, ich war doch ,,normal''! Jegliche Gespräche mit meiner wunderbaren Akustikerin beim Hörgerätefachhandel, beim HNO Doc oder mit Freunden, gaben mir nicht das Gefühl,ich würde von nun an etwas anstreben, jemand werden, jemand sein, mich fühlen so wie ich mich heute eben fühle. Ich steckte fest.

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Geschrieben von Sebastian Fehr

Ich kann mir aussuchen, nichts zu hören!

Vor zwei Jahren war es für mich die schlimmste Vorstellung, gehörlos zu sein. Ich hatte riesen Angst davor und das hatte einen einfachen Grund: Als Musikant hing ich einfach sehr an das wenige Gehör, dass ich noch hatte. Auf links war ich taub, auf rechts mittelgradig-Schwerhörig – und trotzdem war mir dieses „eine-halbe-Ohr“ heilig. Es hat mir ein Leben in der Musik ermöglicht und viele schöne und unvergessliche Erinnerungen geschenkt. Es war 28 Jahre lang mein Wegbegleiter und hat einigermaßen funktioniert und mich durch Ausbildung und Beruf gebracht. Daher weiß ich, dass ich Glück im Unglück hatte.

Meine Meinung zum Thema Gehörlosigkeit hat sich aber in den letzten beiden Jahren auch rapide verändert. Denn trotz der Unannehmlichkeiten, welche die Taubheit so mit sich bringt, habe ich heute mit dem CI einen großen Vorteil: Ich kann mir aussuchen, nichts zu hören! Ja, das ist kein Tippfehler und du hast richtig gelesen! Ich bin in einigen Situationen wirklich froh, gehörlos zu sein. Denn wer kann schon nach einem anstrengenden Tag „das Ohr abnehmen“ und auf der Couch chillen? Wer kann schon im überfüllten Zug das Gehör ausschalten und die Stille genießen? Oder aus aktuellen Anlass: Wer kann zu Sylvester schon im Freien lautlos das Feuerwerk bewundern? Und Hand aufs Herz: Wer wünscht sich nicht manchmal insgeheim, die Nörgelei vom Partner einfach abstellen zu können?

Ja, ich kann das!

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Geschrieben von Sebastian Fehr

Warum die Kaffeepause für mich keine Pause ist

Jeder kennt es: Eine feine Gesprächsrunde bei Kaffee und Jause mit mehreren Menschen in einem Raum. Viele Themen werden in kurzer Zeit abgesprochen: Witze werden erzählt, Pläne fürs Wochenende werden geschmiedet, Erfahrungen und Informationen werden ausgetauscht.  Locker wird gefachsimpelt, über Interna geplaudert und auch über Vorurteile philosophiert. Die Stimmung ist heiter und offen, das Gesprächsklima freundlich. Es wird gelacht, geschimpft, diskutiert, argumentiert und auch ein wenig geneckt. Oft ist ein Einzelner am Wort und die anderen hören zu, aber es wird auch durcheinander gesprochen. Soweit so gut und auch harmonisch.

Mitten darunter: Ich. Angestrengt und konzentriert versuche ich der Unterhaltungsrunde zu folgen, was mir nicht durchgehend gelingt. Es ist auch eine Geschichte der Tagesverfassung: Mal höre und verstehe ich Einiges, Mal vieles nicht. Ich möchte nicht dumm und begriffsstutzig wirken und den Gesprächsfluss ständig stören – deswegen Frage ich nicht immer nach, wenn ich was nicht höre. Obwohl ich mich unwohl fühle, versuche ich, zumindest nach außen Selbstbewusstsein auszustrahlen und frage mich ständig, ob mir das auch gelingt.

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Geschrieben von Sebastian Fehr

Auch 2017 hab ich mich einige Male fehrhört – ein Rückblick

Dezember ist nicht nur Weihnachtszeit sondern auch Rückblick-Zeit. Wie schnell 12 Monate eigentlich vorübergehen wird einem vor allem im letzten Monat des Jahres bewusst. Man schaut zurück und man denkt darüber nach, was so alles passiert ist. Wo man überall war, was man so erlebt und getan hat. Welche Menschen man kennenlernen durfte. Man erinnert sich an Situationen, die nicht so toll waren aber auch an Dinge, die dir bis heute noch Kraft schenken.

So auch bei mir:

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Geschrieben von Isabelle Mandl, M.Sc.

EINHÖRN.

Zurzeit kann man sich dem Einhorn-Hype kaum entziehen. Einhorn-Kekse, Einhorn-Duschgel, ja sogar Einhorn-Toilettenpapier gibt es zu kaufen. Selbstverständlich mit Duft nach Zuckerwatte und viel Glitzer. Ebenso viel Glitzer und Aufmerksamkeit sollte das Wort Einhörn bzw. Einhören erhalten. Als Logopädin, die in der Rehabilitation von PatientInnen mit Cochlea Implantaten arbeitet, sammle ich täglich  Erfahrungen, was für das Hörtraining förderlich und was dafür hinderlich ist.

Förderliche und hinderliche Faktoren für das Hörtraining

Sich selbst zu großen Druck machen und alles verstehen wollen: hinderlich.

Sich selbst Zeit geben, sich erst einmal auf die Hörtrainings-Übung einlassen, sich an den Stimmklang des Sprechers oder der Sprecherin gewöhnen und wertungsfrei die Tonhöhe, die Sprechgeschwindigkeit und die Sprachmelodie wahrnehmen: förderlich.

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